Brexit

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Staubschmied
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Brexit

Beitrag von Staubschmied » Do 30. Jun 2016, 22:26

Ich will gar nicht zu viel vorweg sagen. 52% stimmten für den Austritt, erste Firmen überlegen aufs Festland zu ziehen, Schottland und Nordirland treten vielleicht aus und viele scheuen sich davor die Regierung zu führen.

Freiheit von der EU - gut oder schlecht? Und vielleicht auch ein Modell für andere Länder?
Oder doch lieber ein EU-Superstaat?

Hier etwas Musik zum Einstimmen.

Bajnt0iWvqs

Nachtrag:
http://www.theguardian.com/politics/vid ... mbed_video
Die nichtmusikalische, vollständigere Variante.

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Glumski
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Re: Brexit

Beitrag von Glumski » Fr 1. Jul 2016, 19:37

Ich stand eines Morgens auf, dachte mir nichts Böses, schaute auf die Nachrichten-App meines Vertrauens, und wäre am liebsten wieder im Bett verschwunden.
Und naja, so wie's aussieht, geht es den meisten ebenso. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Boris Johnson auf REMAIN gesetzt hatte, am besten noch mit so einer tollen Prozentzahl wie 49, damit er später als Märtyrer ins Märchenschloss einziehen kann. Und dass "What is the EU" einer der meistgegoogelten Begriffe nach dem Referendum war, erfüllt mich auch nicht gerade mit Zuversicht.
Aber okay. Die Mehrheit möchte austreten, sollen sie's doch tun. Den Schotten gegenüber finde ich's ein wenig lächerlich; schließlich waren die auch in UK geblieben, um in der EU zu bleiben, aber hey, ein unabhängiges Schottland hat doch auch was. Und ein wiedervereinigtes Irland. Und London als Stadtstaat? Warum nicht.

Nee, ehrlich. Ich find's 'ne Katastrophe. Dass es von dem älteren Teil der Bevölkerung und den Ungebildeten herbeigeführt wurde, macht die Lage natürlich nicht besser. Die freuen sich bestimmt besonders, wenn die Wahlversprechen sich als der Humbug herausstellen, der sie sind.
Oder doch lieber ein EU-Superstaat?
Ich mein, ja, eigentlich schon. 'ne vereinte Weltgemeinschaft wäre was sehr Schönes, und die EU ist ein Schritt in die richtige Richtung. Funktioniert alles nicht ganz so, wie man es gerne hätte, aber wann ist das schon der Fall? Die USA kriegen's ja auch hin, wenn der Vergleich hinkt wie'n einbeiniger Tausendfüßler.

Ugh.
Diese ganze Sache deprimiert mich.

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Tom
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Re: Brexit

Beitrag von Tom » Fr 1. Jul 2016, 21:02

Irland ein eigener Staat.
Schottland ein eigener Staat.
Ich will England im Bürgerkrieg sehen!
Dummheit at it's best? Also wenn ich so die Forderungen sehe: Ab 60 kein Wahlrecht mehr, etc.
Jup, V wie Vendetta wird immer wahrscheinlicher.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: Brexit

Beitrag von Staubschmied » Sa 2. Jul 2016, 09:46

Was ich noch bemerkenswert finde: Dass England (und ich rede jetzt mal bewusst von England, da Schottlands und Nordirlands Pro-EU-Spalter gerade sehr gute Karten haben) so massive ökonomische Konsequenzen zu erwarten hat, liegt weitgehend daran, dass die EU wütend ist. Wütend, dass sie England nicht mehr sagen kann, was England machen soll. Deutschlands drittmeiste Exporte gehen ins UK, das UK selbst hat 44% seiner Exporte in die EU. Indem man da jetzt einfach mit Zöllen und keinen neuen Handelsverträgen droht, kann man das UK massiv schädigen - und sich selbst. Aber das ist man offenbar bereit zu tun, weil Machterhalt der EU eben auch ein Interesse ist, und hier jemanden zu massakrieren wird andere abschrecken.

Oder mit anderen Worten: Alle wirtschaftlichen Schäden durch den Austritt sind EU-gewollt. England sehnt sich danach Verträge wie bisher zu erhalten und einen Sonderstatus wie Norwegen zu erhalten.

Am Ende ist die EU einen Tick größer, und gerade, wenn Schottland - Öl, Strom, Schafe und Whiskey - wieder beitritt, hat sie auch deutlich bessere Karten, da England selbst im Wesentlichen eine Stadt namens London ist, das Finanzzentrum sich aber schon darauf vorbereitet zu evakuieren.

Das ist jetzt mehr so eine geopolitische Überlegung. Am Ende weiß ich nicht, ob ich einen Superstaat EU will, der auf diese Art seine Macht erhält. Gegen einen Superstaat EU habe ich nichts, ich würde ihn mir sogar wünschen, aber dieser Superstaat EU sieht echt nicht gut aus für mich. Gerade, weil öfter versucht wird Dinge durchzuboxen, die explizit gegen Volkswillen gehen. Ich stehe schon auf Selbstbestimmung. (Was eigentlich nur in der Schweiz einigermaßen über Referenden abgebildet wird, in der EU ist jedes Referendum immer gleich historisch.) Die Demokratie ist mittlerweile so indirekt, dass sie nur schwer noch diesen Namen verdient, und das kann sich jederzeit auch gegen uns wenden.

Mal schauen, ob sie überhaupt noch austreten. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei den Neuwahlen plötzlich links gewinnt. Und da das Referendum nicht bindend war und niemand damit in die Geschichte eingehen will den Brief unterschrieben zu haben ... mal schauen.

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Re: Brexit

Beitrag von Glumski » Sa 2. Jul 2016, 12:41

Also wenn ich so die Forderungen sehe: Ab 60 kein Wahlrecht mehr, etc.
Die Leute haben alle nicht kapiert, wie Demokratie funktioniert.
[...] liegt weitgehend daran, dass die EU wütend ist.
Hmm, naja, im Grunde wollen sie ein Exempel statuieren (schreibt man das so? Sieht komisch aus.), damit das niemand so schnell nach macht. Und tatsächlich würde ich als Pro-EU-Mensch zustimmen.
Oder mit anderen Worten: Alle wirtschaftlichen Schäden durch den Austritt sind EU-gewollt. England sehnt sich danach Verträge wie bisher zu erhalten und einen Sonderstatus wie Norwegen zu erhalten.
Jap. Mein Eindruck ist, dass England sich danach sehnt, nicht aus der EU auszutreten, und ich bin mir auch recht sicher, dass bei einem erneuten Referendum ein anderes Ergebnis herauskäme. Aber ein neues Referendum würde das UK zu 'ner Lachnummer machen, genau wie eine Entscheidung des Parlaments gegen das Referendum. Wobei die Möglichkeit ja ohnehin vollkommen ignoriert wird, obwohl so ein Referendum ja gar nicht bindend ist. Vielleicht habe ich da aber auch was überhört.

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Re: Brexit

Beitrag von Staubschmied » So 3. Jul 2016, 09:58

Glumski hat geschrieben:Hmm, naja, im Grunde wollen sie ein Exempel statuieren (schreibt man das so? Sieht komisch aus.), damit das niemand so schnell nach macht. Und tatsächlich würde ich als Pro-EU-Mensch zustimmen.
Das übersetzt sich recht direkt in "Ich finde in Ordnung, dass zehn- bis hunderttausende Briten ihre Anstellung verlieren und in ganz England der Lebensstandard sinkt, wenn dafür wenigstens die politischen Eliten meiner Wahl ihren Machterhalt sichern.".

Kann man wohl so sehen.

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Re: Brexit

Beitrag von Glumski » So 3. Jul 2016, 11:24

Ich weiß nicht; ich fand' das absehbar. Dass der EU-Austritt keine goldene Zukunft für das UK bedeuten wird, hätte man durch fünf Minuten googeln herausfinden können. "Was ist die EU" hätte man vielleicht vor dem Referendum herausfinden sollen, nicht erst danach. In Sachen eigener Doofheit bin ich unglaublich intolerant, und meine Empathie ist auch nicht gerade sonderlich ausgeprägt, sobald es nicht mehr um Einzelpersonen sondern große Gruppen geht.

Um den Machterhalt irgendwelcher Politiker geht's mir garantiert nicht, sondern um den Erhalt der EU selber. Wenn das UK austritt und es keinerlei Konsequenzen hat, kann man den Laden gleich dicht machen. Wobei ich meine Meinung hier fast direkt aus Spiegel Online beziehe, weil ich wenig Ahnung vom Thema habe. Klingt für mich aber logisch.

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Re: Brexit

Beitrag von Staubschmied » So 3. Jul 2016, 12:18

Na ja, ich finde Demokratie immer dann gut, wenn sie den Willen des Volkes widerspiegelt, und je größer ein Staat wird, desto schwieriger ist das. Klar war es absehbar, aber mir geht es mehr darum, dass ein Volk souverän sein dürfen sollte. EU ist in diesem Sinne "Ihr bekommt Handel nur dann, wenn ihr auch sonst gehorcht.", und das erinnert etwas an Wirtschaftsdiktatur.

Aber mit meiner Vorstellung von Staat bin ich eh nur in der Schweiz gut aufgehoben. :D

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