[EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

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[EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:36

Da es ja hoffentlich bald mit "Comenga" weitergeht, habe ich mir gedacht, ich lade die Geschichte hoch, die meinen ersten Charakter aus dem FRPG beleuchtet. Aber lasst euch davon nicht abschrecken! Man muss nicht bei Comenga mitgespielt haben und man braucht keinerlei Vorwissen, um diese Geschichte zu verstehen!

Dies ist außerdem die erste Geschichte, die ich angefangen und bis zum Ende durchgezogen habe (obwohl eine Fortsetzung geplant ist), also glaube ich, man kann eine gewisse Entwicklung vom ersten bis zum letzten Kapitel beobachten. Und zwar von "schlecht" bis "nicht mehr ganz so schlecht"! :lol:

Ich hoffe, jemand liest das hier. Es würde mich freuen!

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Kapitel 1: Die Hölle auf Erden

Kapitel 1: Die Hölle auf Erden

Ich erinnere mich nicht gern an das, was einst Moskau war. Meine Heimat.
Mitten in den Wirren des zweiten Weltkriegs schien Deutschland letztendlich doch die Oberhand bekommen zu haben.
Vielleicht war ich damals noch zu jung um alles zu verstehen, ich kann mich jedoch noch genau an die Momente erinnern, an denen Vater und Mutter aus dem Kino zurückkehrten.
Wöchentlich gab es die Wochenschau im Kino zu sehen, eine Ansammlung von Stalin anbetendem Faschismus und Berichten über die derzeitige Lage an der Front.
Ich weiß noch genau, wie Vater jubelnd mit anderen Arbeitern wieder nach Hause kam und Parolen über das ach so große Russland und das ach so mickrige Deutschland grölte. Doch das änderte sich mit den Jahren.Und als diese vergingen und sich das Blatt der Machtverhältnisse wendete, haben wir verloren. Wir haben verloren, obwohl wir vorher schon nichts hatten. Wir Arbeiter waren schon ganz unten, doch dann lernten wir, dass es noch tiefer geht. Hitler und die Nazis haben die Westlichen Länder der UdSSR besetzt. Stalin benötigte nun Hilfe von China, um gegen Japan vorzugehen. Doch wir haben irgendwie überlebt.
1946 wurde Frieden geschlossen und Russland fühlte sich nun so groß wie nie.
Es wurde in jedem Winkel und jeder Gasse ausgiebig gefeiert.
Korken flogen bis in die Nacht in den Himmel und das Knallen und Flackern der Feuerwerke blieb einem bis zum Morgengrauen im Kopf. Doch dies war nur ein gefühlter Bruchteil einer Sekunde so. China und Russland unterlagen den Nazis im Osten, da China selbst den Krieg gegen Japan verlor. Und es ging wieder zurück an die Arbeit. Stalin versuchte nun, Russland so großartig wie möglich darzustellen, doch dies endete im Größenwahn. Er wollte ein Atomkraftwerk direkt hier in Moskau bauen lassen. Es sollte ein Zeichen der Regeneration Russlands sein. Doch um dies zu verwirklichen, musste er an allen Enden und Ecken sparen.
Und das tat er auch.
Vater und seine Kollegen gehörten zu den Glücklichen, die bei der Errichtung helfen sollten, für einen so niedrigen Lohn, er hätte mehr verdient wenn er nicht zur Arbeit gegangen wäre.
Er ging morgens in aller Frühe hin und kam abends zu aller Späte wieder zurück.
Und das ein Jahr lang. Ohne Schutzanzüge, ohne Medizin, ohne Alles.
Ein Wunder, dass Moskau nicht schon früher zum Ödland wurde, denn ich will nicht wissen, wie lang wir vorher schon verstrahlt waren.
Doch dies war nicht ganz unbemerkbar.
Schleichend wurde die Bevölkerung kränklicher, schwächer und zum Ende hin stieg die Sterberate bis ins unermessliche. Unter den Toten waren hier meistens die Arbeiter, die das Kraftwerk erbauten. Tag für Tag starben sie weg, doch es fiel der oberen Klasse nicht auf.
Ich hatte das Gefühl, es fiel niemandem auf, außer mir.
Eines Tages war Vater sogar ganz allein auf der Baustelle, wegen Todes- und Krankenfällen, erzählte er.
Es war 1954, das Jahr des Fallouts.
Es war ein Tag wie jeder anderer, bis zu dem einen Augenblick.
Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen.
Ich höre sie immer noch aufheulen, die Sirenen, wie sie kurz vor Mittag losgingen, den lauten Knall, und die erschreckende Stille danach, die entsetzten Gesichter, auf den Stassen, die hochblickten.
Ich folgte den Blicken, über die Bäume, über die Zäune, über die Dächer, hin zum Kraftwerk, und zu dem Moment, als die Druckwelle, vom einen Augenblick zum anderen mein ganzes Leben in die Hölle auf Erden verwandelte.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:37

Kapitel 2: Ivan, der Allesfresser

Ich kann mich noch genau an die Wohnblocks erinnern, in denen wir wohnten.
Wir lebten dort schon, bevor ich auf der Welt war.
Es war ein ziemlich ärmliches Viertel, doch das war uns egal, denn hier kannte jeder Jeden und so fühlte man sich gleich viel wohler. Juri Vlanko, mein bester Freund, wohnte direkt nebenan. Jegor, der unheimliche Hausmeister, vor dem wir Kinder Angst hatten.
Michail Balek, der Krüppel, der jeden Tag von anderen Krankheiten sprach.
Galina Dunja, die über uns wohnte. Sie zog ein, da war sie Mitte 20, und ich glaube jeder war in sie verschossen. Doch an eine Person kann ich mich ganz genau erinnern: an Ivan, den Allesfresser. Jeden Tag, als ich aus der Schule kam, konnte ich sehen, wie Vater im Hinterhof mit den Anderen eine Mittagspause machte.
Dort alberten sie viel rum, aber oft wurde daraus auch Streit. Ich weiß noch, wie Vater mit einem blauen Auge nach Hause kam. Das geschah ein Mal.
Sonst hat er immer ausgeteilt. Vater und seine Kollegen trafen sich hinter unserem Wohnblock. Dort tranken sie, rauchten, haben gelacht und diskutiert. Ich konnte immer zuhören, denn das Fenster meines Zimmers war direkt am Hinterhof.
Ich habe Vater und seinen Freunden immer zugehört, wenn ich mich langweilte, oder mit den Hausarbeiten fertig war. Aber Mutter wollte nicht, dass ich ihnen zuhöre. Sie meinte, es wäre schlechter Einfluss für mich, deren Geschwafel aufzuschnappen.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich auf diese Weise so manches Schimpfwort lernte, dass ich allen meinen Freunden weitererzählte, und weswegen ich schon so manches Mal nachsitzen musste. Aber dennoch hab ich Vater und seinen Freunden gern zugehört.
Ich konnte mir nichts besseres vorstellen, als mit Freunden genau solchen Spaß zu haben.
Ich wollte genau so werden wie Vater.
Davon war Mutter gar nicht begeistert. Sie wollte, dass ich Karriere mache, mehr als doppelt so viel Geld verdiene als Vater und seine Kollegen zusammen.
Doch davon wollte ich gar nichts wissen.
Ich war 11 Jahre alt, als Vater einen neuen Kollegen mit zum Hinterhof brachte.
Sein Name war Ivan. Er kam aus Irkutsk. Seinen Nachnamen wusste glaub ich keiner, aber sein Spitzname war im ganzen Block bekannt: Der Allesfresser.
Ich weiß nicht mehr genau wann, aber irgendwann fingen Vater und seine Freunde an, Mutproben und Wetten zu machen. Wer kann weiter werfen, springen, mehr Gewicht heben und dergleichen.
Und wer gewinnt, bekommt den gesamten Wetteinsatz der Anderen. Der war nicht hoch, er betrug meist nur einen halben Rubel.
Doch sie waren verrückt genug, um die dümmsten Sachen für ein bisschen Geld zu machen.
Und die Mutproben wurden immer bizarrer.
Ein Mal ging es darum, wer mehr Hiebe mit einem Gürtel aushält.
Vater hat gewonnen und konnte einen Monat lang nicht auf dem Rücken schlafen.
Und irgendwann kam jener Tag, und die Mutprobe bestand darin, wer mehr Ekelhaftes essen kann. Der Wetteinsatz lag bei 15 Rubel. So hoch war der Einsatz noch nie.
Es fing an mit einem schimmeligen Stück Gurke, dass am Straßenrand lag. Alle Anderen wollten das nicht durchziehen, außer Vater und Ivan.
Also teilten sie sich das Stück und mussten sich beide fast übergeben. Fast.
Und es ging weiter. Andrej, ein weiterer Kollege, fand einen matschigen Grasbüschel.
Wieder waren Vater und Ivan zu allem Ekel bereit und sie verschlangen beide ein Stück des Büschels. Sie stöhnten beide auf, hatten ihre Lippen voller Erde, doch versuchten die Galle und das Gras im Magen zu behalten.
Nach zwanzig Sekunden des Würgens waren beide bereit, weiter zu machen.
Andrej sah sich nun um, um irgendetwas zu finden, was den beiden den Rest geben würde.
Er blickte um sich, dann kam ihm eine Idee.
Er nahm einen Blecheimer, der neben einem Zaun lag, hob den Gullideckel hoch, und schöpfte die stinkende Gülle heraus.
Ich konnte den Gestank bis zu meinem Fenster riechen, und ich wohne im zweiten Stock.
Andrej humpelte mit zugehaltener Nase zu Vater und Ivan.
Diese staunten nicht schlecht und überlegten. 15 Rubel. Für unsere Verhältnisse viel, für andere so gut wie gar nichts. Vater trat heran und roch an dem Schlamm. Und sofort zuckte er zurück und musste sich fast übergeben. Ivan sah sich um, nahm mit einer Geschwindigkeit den Eimer und nahm einen ordentlichen Schluck. Und noch einen. Und noch einen.
Vater und seine Kollegen standen nun da, mit weit aufgerissenen Augen, im Halbkreis um Ivan, mit einem Abstand von einem Meter.
Er schmiss den Eimer weg und jubelte, da er nun der Sieger war.
Als Vater und seine Freunde ihm das Geld geben wollten, fiel Ivan zur Seite und musste sich letztendlich doch übergeben. Die Anderen sahen sich die Galle an, und fingen auch an zu würgen.
Als ich sah, wie sie alle stöhnten und sich zum Boden beugten, musste ich mich umdrehen und die Toilette aufsuchen.
Dieser Anblick. Und das nur für ein Paar Rubel. Mir wurde schlecht.
Als Vater abends wieder kam, verbrachte er die ganze Nacht auf Toilette. Ich dachte darüber nach, was aus mir später mal werden soll. Nein, dachte ich, so will ich nicht enden, mich für so ein bisschen Geld selbst foltern. Seit diesem Tag wurden meine Zensuren auch besser und ich bekam 1935 einen Platz an einer Hochschule in Moskau. Ach ja, Vater erzählte mir, dass sie ihm das Geld doch gegeben haben, aus Respekt, auch wenn er gespuckt hat. Ivan ist drei Jahre später verstorben. Wir wussten nicht weshalb, wir hatten aber einen Verdacht. Man nannte ich nicht umsonst den Allesfresser.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:38

Kapitel 3: Das Rudel

Das Jahr 1935 war ein sehr prägendes Jahr für mich, denn es stellte den Abschied von meiner Kindheit dar.
Ich ging als Klassenbester hervor und ging anschließend auf die Maxim Gorki Hochschule im Westen Moskaus. Hier kam ich mit Leuten in Kontakt, die so reich waren, dass sie schon als Babys mit Diamanten spielten. So kam es mir zumindest vor.
Viele wussten, dass ich aus ärmlichen Verhältnissen komme. Manche sahen ein Problem darin, manche nicht.
Unter Anderem lernte ich Professor Wladimir Putschef kennen, der mir oft bei so manchen Aufgaben, bei denen ich verzweifelte, weiterhalf.
Außerdem ging ich mit Michail in eine Klasse, meinem Nachbarn, der leider so krank geworden ist, dass er nur noch auf Krücken laufen kann.
Neu kennengelernt habe ich außerdem Nicolaj Dreibing, einem Haarscharfen Kritiker unserer Regierung, der versuchte, den totalen Rebellen darzustellen. Das fand ich zu dem Zeitpunkt ziemlich albern.
Doch Juri Vlanko, mein bester Freund, war nicht gut genug und hat eine Ausbildung als Arbeiter bei seinem und meinem Vater angefangen. Dort, wo ich nie landen wollte.
Ich merkte schon vorher, dass er diesen Antrieb, diesen Ansporn nie hatte.
Ihm war seine Zukunft egal.
Er hatte zu viele andere Dinge im Kopf, doch damit war er zufrieden.
Also ging er mit einem fast unterdurchschnittlichen Abschluss von der Schule in einen Beruf ohne Zukunft. Wir konnten uns nicht oft treffen, da ich viel lernen und er lange Arbeiten musste.
Auch er erzählte oft etwas von einer Rebellion gegen Stalin, wegen der Unzufriedenheit im Volk und den Konflikten, die er bald anzetteln würde.
Damit hatte er natürlich recht, mein Vater pöbelte auch oft rum, wegen der zunehmenden Armut und den unmenschlichen Arbeiten, die er und seine Kollegen verrichten mussten.
Eines Abends erzählte er mir von einer Gruppe, die sich „Das Rudel“ nannte, einer aufsteigenden Rebellion. Ich sollte aber niemandem davon erzählen, weil das noch etwas ganz Neues war.
An der Spitze dieser Gruppierung steht ein seltsam aussehender Mann namens Janko. Juri zeigte mir ein Flugblatt voller Parolen, die so groß und breit geschrieben wurden, dass sie einem förmlich ins Gesicht sprangen.
„Nieder mit der Unterdrückung!!!“
„Nehmt dem Leid ein Ende, nehmt Stalin ein Ende!!!“
Lauter weitere Ausrufe wurden niedergeschrieben, aber alle klingen genau so aggressiv.
Er zeigte mir ein Foto von Janko. Er trägt einen langen, drahtigen Kinnbart, hat schütteres, schwarzes Haar und eine Art Kriegsbemalung auf den Wangen, wenn ich es richtig deute.
Sein Oberkörper scheint stark gebaut zu sein, muskulös und durchtrainiert. Man sieht einige Muskeln durch den langen Mantel und das Hemd, an dem er eine Krawatte trägt, auf der ein Anstecker ist. Auf dem Anstecker ist das Selbe Muster, wie in seinem Gesicht.
Wenn man sich genau anschaut, wirkt das Rudel eher wie eine Extremistische Vereinigung, als eine Rebellion, die eine positive Veränderung will.
Langsam mache ich mir Sorgen um Juri, ob das der richtige Umgang für ihn ist.
Wenn ich ihn mir ansehe, wie er von Janko und seinen Ideologien schwärmt, sehe ich nicht mehr den gutherzigen, hilfsbereiten und fröhlichen Jungen, sondern einen deprimierten Arbeiter, der von den falschen Leuten sich etwas Falsches und Schlechtes hat einreden lassen.
Ich habe ihn des Öfteren gefragt, ob er sich wirklich sicher ist, ob das die richtigen Leute sind, doch er sagte andauernd, er wüsste, was er tue, er wollte sogar, dass ich dem Rudel beitrete, aber ich sagte, dass wir mitten in den Halbjahresklausuren steckten, und ich keine Zeit dafür finden würde.
Doch als er mir ganz stolz ein Plakat vom Rudel zeigt, auf dem eine Zeichnung von Janko ist, wie er Stalins abgerissenen Kopf hält, schwinden alle meine Hoffnungen, dass das Rudel doch nicht so falsch ist, wie es scheint.
Immer öfter stieß ich, auch an meiner Schule, auf Leute, die zu Sympathisanten des Rudels wurden, manche haben sogar Gruppierungen eröffnet, die das Wissen von Janko weiterverbreiten sollen.
Manche malten sich auch die Zeichen ins Gesicht, die Janko trägt.
In der Schulzeitung werden immer öfter Artikel über Anhänger von Janko an unserer Schule geschrieben. Sie machten Treffpunkte aus, wo Sie gemeinsam seine Reden nacheifern.
In den Wochenschau Bildern sah man immer öfter Bilder von Aufständischen, die sich mit Truppen Stalins anlegen und Janko zitieren.
In der Siedlung, in der Mutter und Vater lebten, war jede nächstbeste Wand oder Mauer mit dem Rudel-Abzeichen und den Zitaten der Reden von Janko gekennzeichnet.
Mutter und Vater wollten von dem Ganzen nichts wissen. Vater sagte, dass es sich im Rudel nur um Mitläufer und Leichtgläubige handle, die nichts Besseres zu tun hätten.
Mitläufer. Leichtgläubig. Sofort musste ich an Juri denken.
Eines Nachmittags wollte ich mich mit ihm treffen, doch er sagte ab. Er sagte, er gehe zu einer öffentlichen Rudel-Versammlung.
Ich wollte ihm unbedingt davon abraten, aber bei seiner Besessenheit hätte er schon längst nicht mehr auf mich gehört.
Ich wollte unbedingt selbst miterleben, was so faszinierend an dem Rudel sein sollte, also ging ich los und suchte dieses öffentliche Treffen auf.
Wirklich öffentlich konnte man das nicht nennen. Ich musste zwischen unzähligen Nebengassen und Waldstücken vorbei, bis ich bei einem verfallenem, alten Bauernhaus ankam.
Öffentlich wäre das auch unmöglich gewesen. Hätte sich so eine Ansammlung an Rebellen zum Beispiel am Kreml zusammengetroffen, hätte Stalin sie allesamt niederwalzen lassen.
Ich höre Juris Stimme. Er stand hinter mir und hatte mich bereits gesehen.
Er freute sich und wollte, dass ich unbedingt alle kennenlerne, doch dann war er da. Janko.
Er kam aus einer Schattigen Seitengasse und ging eine morsche Holztreppe hinauf zur Tribüne.
Jeder Schritt knackte und quietschte und brannte sich in mein Ohr ein. Jeder Schritt wurde lauter, bis das Knacken zu einem dumpfen knallen wurde, und er zum Publikum gerichtet auf der Bühne stand.
Sein großer, brauner Mantel umschlang ihn wie eine zweite Haut. Er nahm die weite Kapuze ab und sein Kopf schaute nach oben, zu seinen Mitstreitern.
Erst redete er von Stolz und Ehre und das das Rudel in Moskau erst der Anfang war.
Er schwafelte von Plänen und Gewonnenen Kämpfen und von einer engen Bruderschaft, die das Rudel verbindet.
Ich wusste, dass jedes Wort gelogen war, ich konnte das spüren.
Dann erwähnte er, dass wir noch enger zusammenrücken müssen und zu einer Familie werden sollten, einer großen, starken Familie.
Dies sollte durch ein Ritual entstehen. Ein Ritual aus Vertrautheit und Einigkeit.
Er riss den dichten Mantel von sich. Darunter befand sich sein blanker Oberkörper. Er war bestückt mit Zeichnungen, Narben und Wunden.
Er war wie in Trance. Er schloss seine Augen und bat den ersten von Vielen nach Oben zu sich. Ein glücklicher Freiwilliger stieg mit einem Grinsen auf dem Gesicht auf die Tribüne.
Er sollte sich neben Janko stellen, und zwar auf ungefähr drei Metern Abstand.
Janko schaute nun auf und richtete seinen Zeigefinger auf den Rücken des Jungen.
Er bewegte den Finger von links nach rechts, und wie durch Geisterhand bohrten sich Schnittwunden in den Rücken.
Aus dem Grinsen wurde ein aus Angst verzerrtes Schreien. Eine so helle Stimme. Der Junge musste jünger gewesen sein als ich.
Janko bewegte den Finger hin und her und malte auf den Rücken des Jungen, indem er ihm Narben verpasste, ohne ihn auch nur ansatzweise zu berühren.
Anstatt Ausdrücke des Schreckens von sich zu geben, rastete das Publikum vor Freude aus, als der Junge sich umdreht und seinen Rücken zeigte.
Das Rudel-Abzeichen war nun Teil von ihm. Für immer.
Während alle jubelten und Janko anfeuerten, musste ich verschwinden. So etwas konnte ich mir nicht ansehen.
Als ich mich so schnell wie möglich davon begab, sah ich wie sich alle anderen in Reih und Glied anstellten, um auch vom großen Janko gesegnet zu werden.
Nur Juri sah ich nicht.
Wochen vergingen. Ich hörte immer noch nichts von ihm.
Eines Abends ging ich zur Wohnung seiner Mutter. Irgendetwas konnte da nicht stimmen, als ich das Reihenhaus betrat, hörte ich sie schon schluchzen und andauernd seinen Namen wiederholen. Ich sehe, die Haustür von ihnen wurde eingetreten und das Weinen wurde lauter. Ich wollte in die Wohnung rein sehen, doch ich traute mich nicht.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und blickte und die Ecke. Ich sah seine Mutter. Sie kauerte im Flur. Neben Juris Leiche.
Wie sich ergab, wollte er an jenem Abend nicht von Janko gezeichnet werden. Er wehrte sich dagegen, doch die anderen des Rudels ließen ihn nicht weg, bis er sich gewaltsam von ihnen losriss und nach Hause lief.
Sie wussten, wo er Wohnte, sind eingebrochen, ritzten das Rudel-Abzeichen in seinen Brustkorb. Ich wusste, es würde gefährlich werden. Ich wusste es, verdammt. Ich war so wütend, so wütend, ich hätte Janko am liebsten selbst in Stücke gerissen.
Sein Begräbnis fand am naheliegenden Friedhof statt. Es kamen fünfzig Leute. Viele Verwandte. Die gesamte Bauarbeiter Kolonne.
Ich bat den Pastor darum, die Wunden so gut es geht auszuwaschen. Ich wollte ihn so nicht in den Himmel schicken.
Die nächsten Tage in der Schule waren still. Juri ging zwar nicht auf die Akademie, kannte aber verdammt viele von hier, was ich nicht wusste.
Ein ganzer Raum in der Bücherei der Schule wurde leergeräumt, um einen Altar für ihn zu Bauen. In der Mitte stand ein großes Foto von ihm.
Drumherum wurden Kerzen aufgebahrt und verziert mit Kränzen und Sträußen.
Jeden Tag nach der Schule gingen wir hier vorbei und dachten an ihn.
Nur Nicolaj nicht. Er war der rebellischste der ganzen Klasse und ich hatte schon vor Juris Tod den Verdacht, er gehöre zum Rudel.
Eines Nachmittags standen wir wie immer vor Juris Altar und dachten an ihn.
Als ich um mich sah, erblickte ich Nicolaj. Er trug das Rudel-Abzeichen im Gesicht.
Er hat uns und dem Altar nicht eines Blickes gewürdigt.
Die Wut brodelte in mir, also stampfte ich auf Nicolaj los und schlug auf die Abzeichen an seinen Wangen ein und beschimpfte ihn und das Rudel.
Es dauerte zwanzig Sekunden, bis mich jemand von ihm losriss. Die Schminke war verwischt und sein Kiefer gebrochen.
Seitdem ließ er sich nie wieder mit dem Abzeichen blicken.
Bis zum Kriegsanfang, 1939, dauerte es, bis das Rudel sich auflöste. Nach Juris Tod wurde es langsam immer weniger und Janko wurde im Krieg getötet.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:39

Kapitel 4: Der Wächter

Die Armut und Wut im Volke nahm seinen Höhepunkt, als das Deutsche Reich der Welt den Krieg erklärte.
Janko und das Rudel waren die Zugpferde dieser niedergeschlagenen Revolution, die letztendlich im Sande verlief.
1938 beendete ich die Schule mit einem ganz guten Durschnitt, denke ich.
Ich bewarb mich als Journalist beim „Wächter“, einer Gesellschaftskritischen Zeitung unter der Leitung von Ivanov Jentchek, einem Schriftsteller, den ich seit dem neunten Schuljahr wahrlich vergötterte.
Als ich eine Eins für einen Aufsatz in der Schule bekam, ging meine Mutter mit mir auf den Markt. Ich liebte es dort, es gab stände mit Obst, Gemüse, Kleidern, Süßigkeiten und Büchern. Man traf so viele verschiedene Leute dort und hier wurde man nicht wegen Armut oder Aussehen verurteilt, hier war jeder willkommen.
Außerdem wurden wir an den Tagen, an denen wir auf den Markt gingen, immer mit unseren besten Sachen eingekleidet. Auch wenn wir immer knapp bei Kasse waren, und wir uns am Markt nicht viel leisten konnten, fühlten wir uns in unseren besten Kleidern dort immer sehr wohl. Als wir an jenem Tag den Markt besuchten, kamen wir an einem Bücherstand vorbei. Als ich mich dort umsah, war ich beeindruckt von der großen Anzahl an Spuckgeschichten, Dokumentationen und Geschichtsbüchern. Für meine gute Leistung in der Schule schenkte meine Mutter mir ein Buch von einem gewissen Ivanov Jentchek, einem Politischen Aktivisten und Schriftsteller. Das Buch hieß „Revolutionen“ und behandelte die wichtigsten Rebellionen unserer Geschichte und deren Ursachen und Gründe.
Meine Mutter kaufte es, mit der Begründung, dass ich eh im Geschichts- und Politikunterricht besser werden sollte.
Also las ich den Schinken und war begeistert, wie Jentchek über Themen schrieb, die mich eigentlich gar nicht interessierten, und wie er überzeugen und mitreißen konnte.
Doch er beschrieb, dass Überzeugung und das Mitreißen auch als Waffe genutzt werden kann und uns mehr manipulieren kann, als wir wollen, dadurch immer einen wichtigen Faktor in Politik und Revolution spielte, und dass es ihn nicht störte, wenn man nicht seiner Meinung sei, auch wenn er überzeugend klingen mag.
Ich war fasziniert.
Und meine Noten wurden auch besser.
Und nun für so einen Mann zu arbeiten, machte mich wirklich stolz.
Mein Arbeitsplatz befand sich in einem kleinen Büro in der Innenstadt Moskaus. Für eine Zeitung stellte ich mir eher einen großen Gebäudekomplex vor, da es sich beim Wächter allerdings um eine Zeitschrift handelte, die unserer Regierung ordentlich an die Gurgel geht, konnte ich froh sein, meine Artikel nicht in einem nassen Pappkarton am Straßenrand schreiben zu müssen.
Ich saß im Büro mit Jaida Librev, einer jungen Journalistin in meinem Alter. Sie hatte hellbraunes, welliges Haar, leicht bräunliche Haut und tiefbraune Rehaugen, die mir jeden Tag den Kopf verdrehten.
Neben mir am Tisch saß der gebürtige Pole Andre Liebermann. Er war schmächtig, so groß wie ich, hatte Rabenschwarze, leicht lockige Haare und ein markantes Kinn. Seine Eltern waren Juden. Ich lernte sie nie kennen.
Hinter mir, an einem großen Tisch saß Dimir Grischenko, das absolute Gegenteil von Andre.
Er war der kleinste von uns, hatte einen großen Bauch und braunrote Haare.
In einem anderen Raum, den man durch einen Treppengang nach oben erreichte, befand sich der Arbeitsplatz von Ivanov Jentchek.
Außerdem standen uns eine kleine Küche und ein Esszimmer zur Verfügung.
Da unsere Zeitung immer bekannter und beliebter bei den Bürgern wurde, Arbeiteten wir beinahe den ganzen Tag, wir schrieben, wir druckten und wir verteilten.
Das war oft anstrengend und stressig, aber: Es machte Spaß.
Untereinander verstanden wir uns wie Freunde und auch außerhalb des Verlags hielt unser Kontakt.
Ich glaube, Ivanov hat uns sogar richtig ins Herz geschlossen, so oft uns so lang, wie wir dort Arbeiteten. Er gab uns oftmals mehr Lohn, als wir verdienten, ließ uns früher gehen und verordnete manchmal längere Mittagspausen und bezahlte unser Essen.
Die Kehrseite der Medaille war jedoch, dass wir zunehmend Probleme mit Stalins Anhängern bekamen, da wir uns in unseren Artikeln meist ziemlich weit aus dem Fenster lehnten.
Wir schworen ihnen jedes Mal, dass wir zukünftig weniger Kritik ausüben würden und wir unsere „Schandtaten“ zensieren würden. Was wir aber nicht taten.
Es war Anfang 1939, die Vorkriegszeit, uns ging es schäbiger denn je.
Alle bettelten um Arbeit und Essen, um Unterkünfte, um Schutz- Und wir schrieben es auf.
Und die Bürger lasen es.
Dies ging eine kurze Zeit so weiter, bis die Bombe platzte.
Es war überall zu lesen. Nazi-Deutschland erklärte uns allen den Krieg. Es war nun wirklich so weit. Es war Krieg.
Stalin mobilisierte seine Truppen, um gegen Hitler und seine Achsenmächte vorzugehen.
Noch nie hatten wir so viel Stoff zu schreiben. Es war eine schreckliche Zeit, zugleich auch eine tolle, so viele Auflagen verkauften wir noch nie.
Dies ging Monate so weiter. Wir waren uns sogar dem Sieg sicher. Wir dachten, endgültig würde Hitler besiegt sein. Wir täuschten uns gewaltig.
Gegen 1941 kam das Gerücht auf, dass deutsche Wissenschaftler an einer Atombombe arbeiten würden.
Spöttisch, schon gar herablassend dachten wir, Deutschland wäre zu schwach, zu dumm, so etwas zu bauen und will uns nur einschüchtern.
Also lebten wir unsere Leben friedvoll und unwissend weiter.
1942. Der schwarze Tag. Ahnungslos kamen wir zur Arbeit. Wir schrieben. Wir Druckten. Wir verkauften. Dann kam die Nachricht.
Eine Atombombe ist in Washington, D.C. explodiert.
Als Ivanov an diesem Tag zu spät kam, ging er leicht humpelnd durch die Eingangstür des Verlags, betrat mit gesenktem Kopf unser Büro und nahm seinen pechschwarzen Hut ab.
Wir fragten uns, weshalb er zu spät kam.
Kinder, sagte er, Kinder, ab heute ist alles anders.
Wir blickten uns für eine kurze Zeit ahnungslos an, dann gingen unsere Blicke langsam wieder zu ihm.
Er erzählte von dem Anschlag, der Unruhe, dem Chaos und dem Notstand in den USA, die es bald nicht mehr geben wird.
Danach herrschte Stille.
Wir schalteten einen Fernseher ein, den wir vor wenigen Wochen zu kaufen war. Dies waren die ersten Fernsehbilder, die ich je sah. Und gleichzeitig die Schockierendsten.
Das weisse Haus in Flammen. Ein Atompilz in mitten von kollabierenden Hochhäusern.
Feuer. Trümmer. Unendlich viel Feuer und noch viel mehr Trümmer.
Den ganzen Tag sahen, hörten und lasen wir nichts anderes.
Dann das Resultat am Ende des Tages.
Amerikas Regierung: Komplett ausgelöscht.
Anzahl der Toten: Um die 200.000 geschätzt. Es waren am Ende 600.000.
Entsetzen in ganz Russland. Obwohl wir nicht gerade die größten Freunde Amerikas waren, saß der Schock noch viel tiefer, als wir alle dachten.
Aufgrund der Annahme, dass die Nazis eine solche Waffe entwickeln würden, galt Deutschland als Hauptverdächtiger des Anschlags.
Diese erfreuten sich über die Nachricht, dass Amerika nun dem Chaos verfiel.
Der Schuldige wurde jedoch nie gefunden.
In den Folgemonaten merkte man, wie Amerika verschwand. Der Schock führte zu Straßenschlachten, Unruhen und riesigen Diebstählen Landesweit.
Wegen dem Verlust der Regierung ergriff das Volk selbst die Kontrolle. Und scheiterte.
Die Südstaaten spalteten sich von Nordamerika ab, und ein Bürgerkriegsähnliches Szenario entstand.
Das Blatt wendete sich.
Deutschland war dabei, den Krieg zu gewinnen.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:40

Kapitel 5: Zinnsoldaten

Nach der Katastrophe in Amerika hörte die Euphorie um die Armee Russlands schlagartig auf.
Auch Stalin hielt den Mund. Dies war ein immenser Schlag ins Gesicht für unser Volk.
In den weiteren Jahren besetzte Nazi-Deutschland weitere Länder im Osten, wie Litauen, Estland, Weißrussland und die Ukraine.
Viele Flüchtlinge kamen nach Russland und suchten nach Arbeit und Unterkünften, was unser Land noch mehr schädigte, da wir uns selbst kaum um unsere Leben kümmern konnten.
Unsere Zeitung verkaufte sich so gut wie nie zuvor.
Wir konnten uns jetzt auch endlich anständigere Druckmaschinen leisten.
Diese befand sich in einer Lagerhalle, direkt neben unserem Bürogebäude.
Dort arbeitete nun Cev Winsen, ein Flüchtling aus der Ukraine.
Er kümmerte sich dort um die Druckmaschinen, reparierte sie, wenn sie kaputt waren, und säuberte sie, wenn mal die Tinte auslief.
An einem Tag, als eine neue Auflage des Wächters verlegt wurde, und die Druckmaschine eingeschaltet wurde, ist ein Tintenkanister unter Druck gar explodiert und die gesamte Halle war von schwarzen Spritzern bedeckt, weil er den Behälter auf die Maschine stellte.
Als Cev uns dies mitteilen wollte, kam er steif wie ein Stock und komplett mit Tinte bedeckt in unser Büro.
Jaida, die ihn als erstes sah, erschrak vollkommen uns schrie los, als stünde ein Geist vor ihr.
Wir dachten, ihr wäre etwas passiert, also rannten wir zu ihr.
Als wir Cev sahen, und er erklärte, was mit der Tinte geschah, nahmen wir voller Panik alle möglichen Utensilien, um die Schandtat wegzuwischen, bevor Ivanov dies zu sehen bekommt.
Wir eilten zur Druckerei, und wischten, mit Tüchern, Lappen, Schwämmen, Besen, Wischmobs, und, und, und…
Wir versuchten uns möglichst zu beeilen, doch keine Chance. Als Ivanov sich fragte, wo seine Mitarbeiter stecken könnten, suchte er Die Lagerhalle auf, in der wir in Eile versuchten, die Spuren zu verwischen. Wir lagen alle am Boden und sahen aus, als bestünden wir aus schwarzer Farbe.
Dann hörten wir ihn kommen. Er stand an der Tür und sah uns dort liegen, als wären wir Sklavenarbeiter.
Wir starrten uns an, und einen Augenblick später, als wir dachten, wir kriegen nun den Stress unseres Lebens, fing Ivanov an, lautstark zu lachen. Er konnte sich nicht mehr einkriegen, als er uns dort schuften sah.
Wir staunten erst einmal nicht schlecht, doch dann konnten auch wir uns nicht mehr zurückhalten.
Wie es aussah, nahm er es mit Humor. Hinterher, als wir wieder unser Büro betraten, meinte er, dass er demnächst Putzfrauen engagieren würde und Cev eines Besseren belehren würde, wie man mit so etwas umgehen müsse.
Es war 1946. Kriegsende. Ein Friedensabkommen wurde unterzeichnet, Deutschland blieb jedoch bei der Besetzung der Sowjetischen Länder.
Wieder floss eine Welle an Freude durch Russland, wir unterlagen zwar dem Feind, hatten es aber geschafft, dem Krieg ein Ende zu setzen. Es erschien sogar eine Sonderausgabe des Wächters zu diesem Thema, mit einem extra langen Artikel von Ivanov selbst.
Es sollte der letzte sein, den er je schrieb. In den folgenden Tagen starb Ivanov mit 73 Jahren an Altersschwäche. Während unser Land feierte, herrschte im Wächter tiefe Trauer. Wir vermissten ihn und fürchteten um unseren Beruf.
Doch eines Abends fand ich im Büro Ivanovs einen Brief. Es handelte sich um sein Testament.
Er schrieb, dass er, wenn er stirbt, nicht will, dass der Wächter in den Sand gesetzt wird.
Er will, dass alles so weitergehen solle, wie es bis jetzt ging.
Ich sollte den Wächter übernehmen.
Ich fragte mich, wieso er mich dafür wählte. Warum gerade mich? Jaida konnte viel konkretere Fragen stellen, als ich.
Andre war viel besser in dem Umgang mit der Schreibmaschine.
Dimir konnte alles viel besser organisieren, als ich.
Doch er begründete in seinem Brief, weshalb ich ausgewählt wurde. Weil ich meine eigene Meinung besaß, egal wie überzeugend die anderen Meinungen klingen mögen. Ich war kein Mitläufer, und dies machte mich zu seinem besten Mitarbeiter, so schrieb er.
Ich war erst ungläubig. Ich und der Chef des Wächters?
Konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.
An dem nächsten Tag zeigte ich meinen Kollegen den Brief.
Und sie wollten, dass ich nun der Leiter werden würde. Ich war mir zutiefst unsicher. Aber als ich sah, wie es ihnen Hoffnung gab, überredete ich mich selbst und nahm das Ruder in die Hand.
Der Chef des Wächters, das war nun ich.
Als ich dies meinen Eltern erzählte, waren sie so stolz, sie könnten durch die Decke gehen, so sagten sie.
Ja, aus mir ist etwas geworden. Und das zu hören, machte mich selbst Stolz, muss ich zugeben.
Doch eine Sache warf mir trotz alldem eine Frage auf. Wieso lag der Brief, den Ivanov schrieb, direkt nach dem Tag seines Todes auf seinem Schreibtisch in seinem Büro?
Hatte er eine Krankheit und wusste, dass er von uns gehen würde? Oder war er untergetaucht?
Ich wusste es nicht, ich habe mich auch nicht weiter drum gekümmert, da es für mich zu dieser Zeit mehr als stressig war. Ich führte nun den Wächter, also musste ich mich um viele Dinge kümmern, viel Organisieren und viele Gespräche führen. So manches Mal wünschte ich mir meine Kindheit zurück, diese Naivität und nicht dieses ständige Denken an das, was morgen passieren könnte.
In den Monaten, die auf meine Beförderung folgten, versuchte unsere Regierung, uns besser darzustellen. Sie wollten ein neues, dynamisches und modernes Russland. Sie wollten die Niederlage des zweiten Weltkriegs zunichtemachen, indem sie neue Straßen bauten, Wolkenkratzer errichteten und die Militärs mit besseren und neueren Ausrüstungen und Waffen versorgten.
Ich habe Bilder von der „neuen Armee“, so wie sie genannt wird, gesehen.
Modernere und bessere Panzerung und neuartige Waffen wurden den Soldaten bereitgestellt.
Sie standen dort, still und starr, ohne jegliche Bewegung und Mimik. Sie wirkten wie Roboter, unlebendig und nur dazu bestimmt, zu gehorchen.
Sie erinnerten mich an meine alten Zinnsoldaten, die ich als Kind in meinem Zimmer stehen hatte.
Und wer war für diesen überraschenden Wandel unserer Gesellschaft verantwortlich?
Dersk Knay, Industriemagnat, der mit seiner Firma, Knay Industries, das Land im Sturm eroberte.
Ich erinnere mich genau, wie Stalin ihn in seinen Reden hochlobte und präsentierte.
Sein Auftreten hatte immer etwas ganz besonderes… Er trug die kontroversesten Kleidungsstücke, die ich je gesehen habe. Er trug Anzüge in den verschiedensten Farben und Formen, von Mänteln, deren aufgesteckte Punkte leuchteten, bis hin zu karierten Trenchcoats, die mit Kabeln und Anschlüssen verziert waren.
Er sah sich selbst als Visionär und Erschaffer der Zukunft, so auch der Spruch unter den Knay Industries-Bannern: „Wir machen das Morgen… Schon heute!“
Doch Knay schien auch kein Unschuldsengel zu sein. Ein Gerücht besagte, er hätte geheime Pläne für Atomwaffen und wolle diese für das Militär anfertigen lassen.
Und genau da kam ich ins Spiel. Ich bat Dersk Knay um ein Interview und er lud mich in sein Büro in dem Dersk Tower ein.
Schon als ich mich dem Gebäude näherte, fühlte ich mich wie in eine andere Welt hineingezogen.
Erst betrat ich einen großen Platz, auf dem riesige Straßenlaternen, die mit Gold und Kabeln geschmückt waren, in reih und Glied standen.
Dahinter folgte ein kleiner Park, auf dem sich Wasserspeier, Brunnen und kleine Buchsbäume befanden, die auf den Zentimeter genau gleich geschnitten waren.
Danach ging ich durch ein großes Tor aus Marmor, dass mich auf den Innenhof des Gebäudes führte.
Hier folgte ich immer größer werdenden Türmen, die mit den neuesten Technologien ausgestattet wurden, von denen ich keine Ahnung hatte, dass sie existieren.
Dagegen sah der Wächter aus wie eine Steinzeithöhle.
Und dann stand ich vor ihm, dem Knay Tower. Als ich hinaufblickte, wurde mir wahrlich schwindelig.
Er war so riesig und gigantisch, es kam mir vor, als würde er bis zum Mond gehen.
Ich ging durch eine Glastür, die so schön sauber war, dass ich sie kaum berühren wollte, und betrat den Knay Tower.
Ich meldete mich bei der Rezeption an und mir wurde mitgeteilt, dass Knay bereits auf mich wartete. Ich wurde zu einem Aufzug geführt, der mich bis in sein Büro fahren würde.
Dann öffneten sich die Türen, und ich stand direkt im Büro von Knay, der aus dem riesigen Fenster über Moskau blickte.
Ich konnte die ganze Stadt sehen. Den Kreml, die unzähligen Wolkenkratzer, sogar die Wohnblocks meiner Kindheit waren zu erkennen.
Sie passten nicht in das neue Gesamtbild Moskaus. Es wirkte wie ein Schandfleck, ins äußere gedrängt und bereit, entfernt zu werden.
Dann wendete ich mich Knay zu. Er trug einen glänzenden, hellbraunen Seidenanzug.
Wir begrüßten uns und er erzählte, wie toll er doch unsere Zeitung fand und wie tragisch der Todesfall Ivanovs fand.
Dann wendete ich mich meinen Fragen zu. Ich fragte viel über den plötzlichen Aufstieg von Knay Industries, den Handel mit der Regierung und dem Voranschreiten der ganzen neuen Gebäude und Straßen.
Mit einem gekonnten Lächeln weichte er allen unangenehmen Fragen aus, indem er sich in lange, komplexe Erklärungen seiner neuesten Erfindungen flüchtet.
Das Ergebnis des Interviews war nicht sehr aufschlussreich, ich erfuhr kaum etwas zu den Geheimnissen um die Atomwaffen oder dergleichen.
Dann bekam er einen Anruf. Er entschuldigte sich für einen kleinen Augenblick und verließ das Büro.
Das war meine Chance. Ich durchsuchte in Eile seine Schränke und Schubladen und war überrascht, was ich fand.
Er baut keine Atomwaffen, er will ein Kraftwerk bauen.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:40

Kapitel 6: Die Akte

Schnell schnappte ich mir eine der Akten, die die Planung des Kraftwerks beweisen.
Ich schob sie gekonnt unter meinen Mantel, sodass sie Knay nicht auffielen, der Sekunden später sein Büro wieder betrat.
Er dachte sich irgendeine Ausrede aus, weswegen er mich so kurzfristig verlassen musste, doch ich hegte den Verdacht, er wollte sich die Haare richten, denn als er wiederkam, trug er seinen Scheitel links, nicht wie Anfangs, als er ihn rechts trug.
Höflich verabschiedete ich mich ich verließ den Knay Tower. Später, als ich den Wächter betrat, und meine Kollegen mich fragten, wie es verlief, zeigte ich ihnen die Unterlagen zum geplanten Kraftwerk, die ich entwendete.
Sie begutachteten sie gute Zehn Minuten, und dachten sich dabei nicht viel. Ein Kraftwerk. Irgendwo im Nirgendwo in Russland?
Doch der Schock kam erst noch: Ich wies sie auf eine unauffällige, kleine Zeile auf der letzten Seite hin. Dort stand, dass das Kraftwerk mitten in Moskau errichtet wird.
Ungläubig starrten sie auf die Akte, doch ich sah schon die Schlagzeile vor mir:
KNAY INDUSTRIES VERSTRAHLT RUSSLAND: BAU VON KRAFTWERK IM HERZEN MOSKAUS VERORDNET!
Ich wusste, ich lehne mich weit aus dem Fenster, ich wusste, für diese Enthüllung könnten unsere Köpfe bald über Stalins Schreibtisch rollen.
Oder wusste ich es nicht? Hätte ich verantwortungsvoller handeln müssen? Hätte ich meine Kameraden nicht in solche Schwierigkeiten bringen sollen?
Ich dachte mir nichts weiter dabei, denn sie waren auch der Meinung, dass dies ein voller Erfolg werden würde. Nur Jaida nicht. Sie war misstrauisch, das weiß ich noch.
Sie wurde sowieso in diesen Zeiten immer misstrauischer und machte sich Sorgen um mich.
Dies hing damit zusammen, dass wir eine sehr nahe Beziehung pflegten. Sie war mir mit den Jahren sehr wichtig geworden, ich glaube, ich lüge sogar nicht, wenn ich sage, dass wir uns liebten.
Doch auch sie machte sich an die Arbeit und schrieb an der nächsten Ausgabe.
Und sie schlug ein wie eine Bombe.
Jeder las über Knays Pläne, jeder redete drüber, ja, es gab sogar einen Bericht im Fernsehen über den Wächter!
Dies war ein Moment des Triumphs für uns, doch er war nur von kurzer Dauer.
Eine Woche später, als Knays Pläne in aller Munde waren, verschwand er völlig von der Bildfläche.
Er fragte sich bestimmt, woher ich dies wusste, hörte sich Tonbänder von unserem Interview an, die er ganz sicher machte, und suchte alles ab. Und er fand diese eine Mappe nicht.
Kein Wunder auch, denn ich hatte sie ja.
Ich lag falsch in der Annahme, es würde keine großen Konsequenzen nach sich ziehen, wenn ich so etwas abdrucken würde.
Auch Mutter machte sich sorgen um mich, als ich ihr davon erzählte. Doch ich sah nur die Verkaufszahlen vor mir.
Ungefähr eine Woche nach dieser Schlagzeile, als wir in unserem Büro arbeiteten, es fast Mitternacht war und wir unsere Schreibmaschinen ausschalteten, geschah etwas, mit dem selbst ich nicht rechnete:
Einer von Knays Soldaten, die aussahen, wie meine Zinnsoldaten, trat unsere Eingangstür ein, und ein ganzer Trupp stand in Sekundenschnelle mitten im Büro.
Wir sprangen auf vor Schreck, und der Trupp teilte sich entzwei und Knay selbst erschien im Raum.
Er sah aus, als würde es ihn nicht überrascht haben, dass dieses Geheimnis aufgedeckt werden würde. Er grinste sogar. Er fragte, weshalb ich sein Vertrauen so missbrauch hätte.
Er dachte wahrscheinlich, er könnte sich Pluspunkte im „niederen Volke“ holen, wenn er sich so eine Laienzeitschrift ins Haus holen würde.
Aber nein, ich hätte mich hierdurch zu einem Verbrecher gemacht. Nun gut, er hatte recht, ich habe seine Privatsphäre gestört und Dokumente mitgehen lassen, aber dennoch fragte ich ihn, was daran so schlimm sei, die Pläne zu veröffentlichen, wenn sie doch gar nicht so schlimm sein sollten, wie Knay sagte? Mit dieser Frage traf ich ihn, und durch eine Handbewegung befahl er einem seiner Zinnsoldaten, das Büro zu durchsuchen, um die Akte wiederzufinden.
Und vom einen auf den nächsten Moment ging der Soldat von Tisch zu Tisch und wühlte alles durch. Andre wollte ihn aufhalten, doch bevor er dies tun konnte hielt ihm ein anderer Soldat eine Waffe an den Schädel.
Nun wurde ich aggressiv und befahl Knay, dem Soldaten zu sagen, er solle die Waffe runternehmen, dafür würde ich ihm im Gegenzug die Akte geben.
Mit einer erneuten Handbewegung Knays ging die Waffe runter und gab ihm die Akte, und er betrachtete sie. Daraufhin sagte ich, dass sie nun gehen sollen, da wir das Chaos im Wächter wieder aufräumen mussten, dass dieser Soldat angerichtet hatte.
Er meinte noch, er würde uns verschonen, weil er mich und meinen Charakter schätzte und wir gute Freunde hätten werden können. Eigentlich wären wir wegen so einem Vergehen schon längst tot gewesen.
Also verließen sie, mit Knay an der Spitze, in Reih und Glied unser Büro.
Und als wir dabei waren, aufzuräumen, kam Dimir auf mich zu und zeigte mir die Pläne für das Kraftwerk, die sich eigentlich in der Mappe, die nun Knay wieder besaß, hätten befinden müssen.
Er hat, als Knay rein gestürmt kam, die Unterlagen durch leere Blätter eingetauscht, sagte er und freute sich darüber.
Ich jedoch, voller Panik, sagte, dass die ein großer Fehler war, denn wer weiß, was Knay mit uns anstellen wird, wenn er dies bemerken würde.
Beim ersten Mal, dachte ich, hätten wir schon eine große Linie überschritten, doch ein zweites Mal? Ich war sichtlich sauer auf Dimir, dieser konnte dies aber nicht nachvollziehen, denn ich hätte ja schließlich mit den Diebstahl angefangen.
Wir waren alle nicht begeistert davon. Andre und Jaida auch nicht. Doch was sollten wir machen? Wir hofften, Knay würde dies nicht bemerken. Also gingen wir nach Hause.
Und was war? Er hatte es natürlich gemerkt.
Ich bin am nächsten Tag erst später zur Arbeit gekommen. Mutter bat mich nämlich, ihr bei häuslichen Sachen zu helfen, weil sie diese selbst kaum noch allein bewältigen konnte, und da ich der Chef des Wächters war, konnte ich mir so etwas durchaus leisten.
Als ich bei Mutter und Vater fertig war, machte ich mich um ca. 10:00 Uhr auf zum Büro.
Doch als ich drei Blocks und eine Straße weiter mit dem Auto hielt und ausstieg, hörte ich Schreie und eine Ansammlung von Menschen. Sie schienen zum Wächter zu eilen!
Also lief ich geradewegs mit ihnen zu unserem Büro, und als ich um die Straße ging und sah, konnte ich mich nicht weiter bewegen. Mein Herz stand still.
Der Wächter stand in Flammen.
Doch dann versuchte ich, einen klaren Kopf zu bekommen und lief, so schnell ich konnte, zum Gebäude.
Und als ich dort war, sah ich Jaida mit schweren Verletzungen aus dem brennenden Haus humpeln. Sie wirkte total paralysiert und benebelt.
Ich hielt sie im Arm und rief nach Hilfe, doch als später die Feuerwehr kam, war alles zu spät.
Der Wächter war nur noch ein großer Haufen Asche und Geröll.
Ich fragte sie, was passiert ist. Sie erzählte mir mit ihrer schwächlichen und stotternden Stimme, dass ein vermummter Mann das Büro betrat und mit mir sprechen wollte. Als sie ihm erzählte, dass ich nicht da sei, legte er nur ein großes, gut verpacktes Paket ab und ging wieder. Jaida und Andre liefen ihm nach und wollten fragen, was der Mann wollte, doch Dimir blieb im Gebäude, bei dem Paket. Es war eine Bombe, die im Wächter detonierte und Dimir mit in den Tod riss.
Andre wurde auch von den Flammen getroffen, doch er sei wieder auf den Beinen und suchte nach mir.
Knay. Es war Knay, das Dreckschwein...
Doch es war meine Schuld. Ich fing mit den Diebstählen an und dachte nur an die Zeitung. Ich habe die Sicherheit des Teams vollkommen vernachlässigt und deswegen wurden Menschen verletzt und getötet.
Dimir hatte keine Chance. Jaida und Andre wurden schwer verletzt. Mein Erbe wurde komplett zerstört. Ich habe Ivanov mit meiner Verantwortungslosigkeit enttäuscht und seinem Namen keine Ehre gemacht.
Ich wollte aufgeben. Knay hatte gewonnen.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:41

Kapitel 7: Überreste

Die nächsten Monate waren hart und kalt für mich. Nur durch meine Verantwortungslosigkeit habe ich Menschen, die mir wichtig sind, in Gefahr gebracht. Ich wollte den Wächter endgültig aufgeben, weil ich hiermit endgültig meine Dummheit bewies. Jaida ist nach St. Petersburg gezogen. Sie ertrug das Gefühl nicht mehr, in Moskau zu sein. Doch ich denke, sie ertrug es nicht, mich zu sehen. Denn ich war schuld an alldem.
Ich habe sie geliebt. Und auch sie liebte mich. Bevor Knay den Wächter zerstörte, waren wir verliebt ineinander. Ich lud sie oft zum Essen ein, wir lachten viel gemeinsam. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Ich habe alles wegen meiner Dickköpfigkeit verloren.
Ich sah Ivanov seitdem jeden Abend vor mir, wie er mich ansah, mit verurteilendem Blick, Demut und Hass. Es war mir peinlich vor ihm, so etwas getan zu haben, obwohl er nicht mal mehr unter uns weilte.
Wochenlang blieb ich nur zuhause, in der Hoffnung, alles vergessen zu können, was ich Dimir, Jaida und Andre antat. Ich blieb zuhause, und tat nichts. Ich ging höchstens am Samstag einkaufen. Und dann gleich so viel, dass es für die ganze Woche ausreichte. Ich ging immer in den kleinen Laden gleich um die Ecke. Das Viertel, indem unser Büro stand, mied ich gänzlich. Ich dachte, dies ist nun mein Ende, ich dachte, ich muss nun doch auf den Bau, zu meinem Vater, mich im Dreck wälzen und letztendlich, wenn ich Pech habe, das verwirklichen, weswegen der Wächter nur noch ein Haufen Asche ist: Knays Kraftwerk.
Wochenlang dachte ich, der Wächter wäre gestorben, und die Regierung hätte gesiegt.
Doch dem war nicht so. Als ich nach einiger Zeit den neuen Fernseher anschaltete, sah ich Aufnahmen von Protesten, von denen ich in dieser Zeit nichts mitbekam, weil ich mich so dermaßen zurückzog. Ich sah Aufstände gegen Knay und sein Atomkraftwerk und Menschen, die Schilder hochhoben, auf denen Parolen standen, wie „Wir sind der Wächter!!!“, „Strahlung? Nein, danke!!!“ oder „Knay will Kraft? Wir zeigen sie ihm!“.
Mein Herz raste, als ich dies sah. So sehr habe ich mich seit Ewigkeiten nicht mehr gefreut.
Sofort kontaktierte ich Andre. Der erzählte mir ebenfalls von großen Aufständen, an denen er sogar selbst teilnahm.
Dann kam mir eine Idee in den Sinn. Wenn wir die Revolution ausbreiten können, und wir gezielt vorgehen, könnten wir etwas damit erreichen. Knay sollte verschwinden.
In den nächsten Wochen beschäftigte ich mich ausgiebig mit den Protesten, besuchte mit Andre zusammen Veranstaltungen und kontaktierte Gleichgesinnte. Ich konnte mir nie vorstellen, dass es wirklich so viele in meiner Umgebung gab, die dieselben Ansichten teilten, wie ich es tat. Und unter ihnen wirkte ich wahrlich wie ein Prominenter, was mir manchmal unangenehm war. Viele erkannten mich und waren treue Leser des Wächters gewesen, ja, manche sogar nannten mich einen Helden. Das stritt ich jedoch ab. Ich war kein Held. Ich wollte es eigentlich auch nie sein. Ich wollte auch nie der Chefredakteur sein. Ich wollte sein wie andere, mich einordnen. Ich wollte nicht hervorstechen. Ich war immer viel zu nervös und zu unsicher, hatte zu viele Selbstzweifel. Doch an einer gewissen Veranstaltung nahm ich all meinen Mut zusammen, der noch in mir übrig war, und nicht bei der Zerstörung des Wächters verloren ging, und sprach auf einer Bühne vor den anderen Revolutionären.
Ich erzählte meine Geschichte, von Janko, dem Rudel, meiner Schullaufbahn bis hin zu meiner Beförderung und dem Ende unseres Verlages.
Ich konnte es kaum glauben, aber die Leute jubelten mir zu, klatschten in die Hände und lobten mich, doch bevor ich von der Bühne ging, betonte ich eine Sache:
Wenn wir dies in die Hand nehmen, den Aufstand, wir werden nicht in die Fußstapfen des Rudels treten, wir werden unsere Gewalt nicht ausnutzen und Unschuldige verletzen.
Das erste Mal seit langem habe ich das Gefühl, etwas, oder jemanden, erreicht zu haben. Es fühlte sich großartig an.
Es fühlte sich so an, als würden wir Knay bereits in die Mangel nehmen. Und so abwegig war der Gedanke auch nicht. Knays Auftritte waren seit den Protesten bei weitem nicht mehr so glanzvoll und nobel, wie sie einst wirkten. Er hatte einen Großteil seiner Anhänger verloren, seit die Information durchsickerte, dass er Moskau verstrahlen will. Das machte sich ebenfalls an seinen öffentlichen Auftritten bemerkbar. Der Applaus war schon lange nicht mehr so donnernd wie damals, als er noch als Russlands neues „Wunderkind“ tituliert wurde. Einige trauten sich sogar, zu pfeifen und ihn zu beschimpfen. Es waren zwar bloß vereinzelte Stimmen, doch das machte mich trotzdem stolz. Früher war so etwas nicht denkbar.
Unsere Revolution nahm immer größere Formen an. Unsere Gruppe vergrößerte sich von Tag zu Tag massenweise.
Es dauerte auch nicht lange, bis wir erste Erfolge erzielten. Unter Anderem vereitelten wir Knays Pläne, sein „Ferrum-Soldaten-Projekt“ auszuweiten, indem wir den Knay tower umstellten und mit Schildern protestierten. Diese Ferrum-Soldaten waren ein von Knay erfundenes und geleitetes Projekt, Soldaten mit Eisen-Implantaten und Prothesen zu verbessern. Diese wurden bereits vereinzelt im 2. Weltkrieg verwendet, erwiesen sich jedoch als zu unausgereift. Ich sah Bilder von den Soldaten im Fernsehen und auf großen Leinwänden auf Pressevorstellungen. Meist handelte es sich um bereits im Kampf verletzte Rekruten, die von Wissenschaftlern durch Mechanische Teile ergänzt wurden. Hinterher sahen sie allesamt aus wie moderne Versionen Frankensteins, Knay und die Russische Regierung schien dies nicht zu stören. Abneigungen von Seiten des Volkes waren schon spürbar, denn aus Menschen Kampfmaschinen zu bauen, kam nicht gut an. Daraufhin wurde das Projekt eingestellt. Nun, Jahre nach dem Verlust des 2. Weltkrieges, wollte Knay das Projekt wieder einleiten, mit der Begründung, dass nach der Zerstörung Washingtons die Angst vor einer erneuten Kampfhandlung immer größer wurde und die Technik auch fortschrittlicher sei. Doch wir waren dem ein Dorn im Auge und vereitelten diese Pläne.
Doch das größte kam erst noch: Als die Bürger von dem Bau des Kraftwerks mitbekamen, entstand so eine große Aufmerksamkeit und Nachfrage zu den Sicherheitsmaßnahmen, dass nun doch beschlossen wurde, das Atomkraftwerk am Rande Moskaus zu bauen. Es ist zwar nicht exakt das Ziel gewesen, ich war aber dennoch froh, die Leute auf so etwas hinzuweisen.
So gingen die Monate dahin, es war 1952, zwei Jahre vor dem Fallout. Ich war 34 Jahre alt. Und aus unserer beschaulichen Rebellion wurde eine ganze Armee an Gleichgesinnten. Ganz Russland wurde auf uns aufmerksam, wir zeigten ihnen die Missstände, da wir eine viel größere Bühne zur Verfügung hatten: Den Rundfunk, das Fernsehen, dass sich nun weltweit etablierte, und eine neue Zeitung in Ehren Ivanovs: Den neuen Wächter.
Er verkaufte sich besser, als je zuvor. Wir hatten eine riesige Lagerhalle als Verlagsgebäude zur Verfügung. Dies war jedoch ziemlich riskant, wir standen unter keinem guten Licht bei Stalin und seinem Gefolge. Um nicht aufzufallen, arbeiteten wir in Schichten. Wir kamen alle nacheinander mit Zeitabstand in die Halle und nicht alle auf einmal. Wenn es die Situation verlangte, mussten wir durch einen Kellerabteil den Verlag betreten, damit es nicht auffiel. Laut den Führungsmächten scheinen wir nicht gefährdet zu sein, aber man weiß ja nicht, wen Knay und Stalin auf uns hetzen könnte. Schon so manches Mal hatte ich den Verdacht, ich hätte Verräter in meinen eigenen Reihen. Ein junger Reporter, Vlad hieß er, war einer der Verdächtigen. Es stellte sich heraus, dass er wirklich einer war. Doch nicht von Knay, Stalin, den Nazis oder Amerikanern, nein, von jemand mir bis dahin völlig Unbekannten. Er entpuppte sich als Jemand, den ich nur für einen Mythos hielt. Es handelt sich um einen vermummten Mann, der sich Remnant nannte. Er soll eine Art Revolutionär gewesen sein und Knay und die Regierung wahrlich herausfordern. Immer wieder tauchten Gerüchte um diesen Mann auf, einmal wurde sogar gesagt, er habe Knev Voczec, einen von Knays obersten Atomphysikern, und seine Uran Vorräte entführt. Dies hielt ich jedoch bloß für ein schwaches Gerücht. Drei Tage später kam die Meldung, dass Voczec und seine Erfindungen verschwanden. Ich wurde misstrauisch, doch ich glaubte immer noch nicht an diesen Remnant.
Er schien allgegenwärtig und es bestand der Verdacht, er befinde sich in Moskau mit seinen Handlangern, zu denen auch Vlad gehörte.
Immer, wenn wir mit unserem Lastwagen um die Blocks fuhren, um unsere Kollegen einzusammeln, holten wir Vlad immer von verschiedenen Standorten Moskaus ab. Und als wir ihn fragten, wo er wohne, wollte er es für sich behalten. Dann, als er unsere Gruppe verließ, und wir ihn wieder an einem beliebigen Ort absetzten, verfolgte ich ihn heimlich. Es war schwer, nicht aufzufallen, da er immer nervös um sich blickte, was ein weiterer Indikator für eine Ratte von Knay oder Stalin sein könnte. Er hielt an einer Tür, die in ein großes, altes und verlassenes Haus führte. Er gab ein Klopfsignal, und ein bewaffneter Mann öffnete ihm die Tür. Schnell schloss sie sich wieder, damit niemand davon mitbekommen sollte.
Ich wollte sehen, was innen vor sich ging. Also suchte ich einen bestmöglichen Weg, um reinzukommen. In einer Seitengasse befand sich eine Feuerleiter, die an einem Fenster anschloss. Ich kletterte bis zu Fenster und kletterte behaglich herein. Ich befand mich nun auf einer Plattform, von der aus ich den gesamten Innenraum betrachten konnte. In der Mitte des Raumes hing eine Glühbirne. Dies war die einzige Lichtquelle in der ganzen Halle. Darum verteilt sah ich Silhouetten von Trümmern und kaputten Wänden, die leicht von dem Licht der Glühbirne angestrahlt wurden. In der Mitte des Lichtkegels saß eine Person auf einen Stuhl gefesselt. Es war niemand geringeres als Knev Voczec, Knays Atomphysiker. Er rief um Hilfe, und fragte, was man mit ihm mache. Im Hintergrund gesellten sich immer mehr bewaffnete in einer Reihe, die ihn aufforderten, leise zu sein. Dann betrat eine weitere Person den Raum, jedoch durch eine andere Tür, die Haupt Tür, nicht wie die anderen, durch Seiteneingänge. Und urplötzlich wurde es ruhig. Und Voczec, immer noch winselnd, starrte ebenfalls auf diese Figur, die sich noch im Verborgenen hielt.
Einen Moment der Stille kostete es, bis sich der Mann ins Licht der Lampe stellte. Er trug eine Kapuze und einen schwarzen Umhang. Sekunden später nahm er die Kapuze ab. Er trug eine eiserne Maske, die aussah, wie ein Totenschädel, jedoch kein gewöhnlicher. Die Maske war mit Kanten und Ecken versäht, sie wirkte nicht Menschlich. Doch genaueres konnte ich nicht sehen.
Neben dem Stuhl, auf dem Voczec gefesselt war, wurde nun ein Tisch aufgebaut. Voczec winselte, und fragte, was man von ihm wolle, doch es kam keine Antwort. Einer der Handlanger im Hintergrund stellte einen Eimer mit einer Flüssigkeit auf den Tisch.
Dann begann er, zu reden. Es war eine Tiefe, eindrucksvolle Stimme, deren Bass man bis auf die Knochen fühlte.
„Diese Flüssigkeit wurde von Knay Industries erfunden. Es handelt sich hierbei um eine extreme Säure, die zur Reinigung von Metall benötigt wird. Doch ich habe überall meine Augen. Ich habe mitbekommen, dass ihr sie ebenfalls dazu benutzt, um Kritiker des Volkes und Rebellen zu foltern.“ Remnant trat einen Schritt auf Voczec zu und löste die Fesseln am Arm. Er wusste bereits, was Remnant vorhatte. Er versuchte sich zu befreien, er zappelte wie ein Fisch, doch Remnant nahm die Hand und tunkte sie in den Eimer. Ein plötzlicher, lauter Schrei füllte den Raum bis zum Anschlag, und auch ich konnte mir ein kurzes Aufschrecken nicht verkneifen. Als er eine Hand herausnahm, war dort keine Hand mehr, bloß ein knochiger Stümmel mit Haut- und Fleischfetzen. Voczec fing an, vor Schmerz zu heulen.
Remnant wandte sich zu den Anderen im Raum. Er sagte zu ihnen, dass sie Knev vor dem Rathaus mit einer persönlichen Botschaft abliefern sollen. Ich hörte nicht mehr genau hin, da ich nun die Flucht ergreifen wollte. Ich rappelte mich schnell, aber möglichst leise zugleich, durch das offene Fenster. Schleichend ging ich durch die Straßen, ließ das Gebäude hinter mir, und machte mich auf den Weg nach Hause. Es gab ihn also wirklich, und er war beängstigender, als ich ihn mir vorstellte. Sein Aussehen, die Schreie Voczecs gingen mir die ganze Nacht lang nicht aus den Ohren. Ich konnte nicht schlafen.
Am nächsten Tag versuchte ich, mich abzulenken, indem ich meine Eltern besuchte. Als ich die Wohnung betrat, saßen Vater und Mutter bedrückt auf dem Sofa.
Sie erzählte mir, dass Vater zu denen gehörte, die das Atomkraftwerk errichten sollten.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:42

Kapitel 8: Das Massengrab

Als ich in der Zeitung vom Bau des Kraftwerks berichtete, kam es mir immer so weit entfernt vor. So, als ob ich etwas ändern könnte. Erst, als Vater mir erzählte, dass er sich am Bau beteiligen müsste, realisierte ich, wie ernst es um unsere Stadt werden würde.
Die Atomkraft war etwas noch so unerforschtes, etwas so gefährliches, was es allerdings sowieso ist.
Die Arbeiten begannen im nächsten Monat. Mein Vater musste seitdem jeden Tag arbeiten. Von früh morgens bis spät abends. Mit der Zeit bemerkte man sehr deutlich, wie ihm seine Arbeit zu schaffen machte. Er war nun auch nicht mehr der Jüngste, und die Aufgaben, die Knay verlangte, waren auch nicht die Besten. Vater begann mit dem Aufbau des Grundgerüsts des Kraftwerks. Das heißt, er musste oftmals in tödlicher Höhe und ohne jegliche Sicherung Balken, Stahlträger und Eisengitter befestigen.
Ich hatte allerding mit anderen Sorgen zu kämpfen: Remnant.
Als ich im neuen Wächter am Tag nach meiner Beobachtung Remnants eintraf, war es bereits in aller Munde: Voczec wurde aufgefunden, und zwar mit einer Nachricht von Seiten Remnants. Er will, dass der Bau des Kraftwerks umgehend gestoppt wird, sonst entführt er weitere hohe Tiere der Regierung. Von dem gestohlenen Uran war nichts zu lesen.
Als ich dies hörte, versuchte ich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich tat so, als wäre dies mir völlig neu. Im Wächter schien diese Nachricht mit gemischten Gefühlen in Empfang genommen zu sein: Einige freuten sich, sie dachten, es würde sich tatsächlich etwas ändern.
Andere waren sichtlich weniger froh. Eher ängstlich und befremdlich gegenüber diesem „geheimen Rächer“.
Sie wollten nicht, dass jemand das Gesetz in die eigene Hand nimmt, zumindest nicht so brutal. Immer häufiger fielen mir Parallelen zu Janko und dem Rudel auf. Dies wurde mir deutlich, als ich sah, wie seine Sympathisanten sich verhielten. Manche bauten sich selbst Solche Masken oder plapperten seine Worte nach, die er in seiner Botschaft mitteilte. Wahrlich, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass es eine echte Euphorie um diesen Remnant gab. Mir sollte es anfangs jedoch noch recht sein, so wurden immer mehr Menschen auf die Gefahr des Kraftwerks aufmerksam. Dann, als diese Aufmerksam Knay zu viel wurde, rief Knay eine öffentliche Pressekonferenz ein, unserer „Rebellen“ willen. Diese fand auf einer großen Fläche in der Nähe der Knay towers statt. Viele hohe Rösser und viele Rebellen tauchten dort auf. Meiner Meinung nach zu viele. Es kamen so viele Bürger, dass ich so weit hinten stehen musste, dass ich das, was auf der Bühne vor sich ging, nur anhand eines großen Monitors sehen konnte. Als Knay dann letztendlich auf der Bühne auftrat, war das Geschreie groß. Viele Pfiffe waren zu hören, viele Schimpfwörter und viel Hass.
Es sollte eine Art „Interview“ werden. Die Aktion ging aber nach hinten los. Dem „Reporter“ der Knay Fragen stellte, war anzuerkennen, dass es sich bei ihm um einen Laiendarsteller hielt, der womöglich anscheinend nicht mal wusste, wovon er dort oben sprach. Fragen und Antworten waren gestellt, unecht und höchst wahrscheinlich noch nicht mal wahr.
Denn während Knay von einer besseren Welt, mit besserer Energie und besserer Arbeit sprach, Arbeitete mein Vater in Knays Dreck, nur um Krank zu werden und gerade eben zu überleben.
Die Konversation wurde ermüdend, und langsam wendete ich mich ab, da mir klar wurde, dass es mir sowieso nichts bringen würde, zuzuhören. Dann, als ich schon auf dem Weg nach Hause war, sah ich drei Kleintransporter durch einen Seitenweg hinter die Bühne fahren. Erst dachte ich mir dabei nichts, ich dachte, vielleicht sind das Artisten und Stalin hat eine kleine Propagandashow geplant, oder jeder im Publikum bekommt ein Stück Uran zu mitnehmen.
Aber wie sich herausstellte handelte es sich um Remnant und sein Terrorkommando.
Dann, ohne Vorwahnung, ging eine Bombe inmitten der Zuschauer hoch. Flammen, Feuer, Geschrei überall. Knay war nirgends zu sehen. Dann betrat Remnant die Bühne, mit großen, lauten Schritten, seiner Kalten Maske und seinem dunklen Mantel. Dies weckte Erinnerungen an Janko. Ich lag am Boden, da die Explosion mich komplett umriss. Dann begann er zu sprechen, mit seiner tiefen, einprägsamen Stimme.
„Bewohner Moskaus, Bewohner Russlands, und wer uns noch zusieht… Auf dieser Bühne wurdet ihr Zeuge, wie die Welt zugrunde geht. Was dieser Mann erzählt hat, sind nichts als leere Worte. Nichts, als nur Lügen, nichts, als falsche Versprechen. Dieser Mann, Dersk Knay, versucht, uns alle umzubringen, und Moskau in ein Massengrab umzuwandeln. Und wenn ihr weiter bloß dasteht, wie diese Leute hier, still seid und nichts gegen diesen Tyrannen unternehmt, dann werden aus Knays Worten Wirklichkeit: Diese Atomwaffe, dieses Instument des Todes, es wird unsere Weltkarte beschmutzen. Und es wird nicht lange dauern, dann wird es gar keine Weltkarte mehr geben! Wir alle, wir werden lodern in den Flammen Knays, nur damit dieser Mann so viel Geld besitzen wird, damit er damit sein Brot belegen kann! Jeder, der mir jetzt zuhört, jeder der auch nur einen Funken Verstand hat, wird nun hoffentlich wach geworden sein, wach geworden, aus dem Traum, den Knay uns schon immer vorgaukelte. Bewohner Moskaus…“ Seine Stimme wirkte traurig,“…Bitte… Denkt über meine Worte nach…“
Von allen Seiten stürmten Remnants Leute heran, und nahmen Politiker, Wissenschaftler und Knays Vertraute, die in den ersten Reihen saßen, fest, und luden sie in die Wägen.
Ich konnte mich verstecken, doch ich dachte mir, dass ich außer Gefahr sei. Ich fragte mich, wo die Polizei blieb, doch wahrscheinlich kümmerten die sich bloß um Knay.
Remnant und seine Gruppe rückten ab.
Danach hatte ich eine Idee. Ich wollte wissen, wohin Remnant mit den Geiseln floh. Mir fiel die Lagerhalle ein, in der ich Remnant schon einmal beobachtete. Schleichend verließ ich die Knay towers und suchte die Lagerhalle schleichend auf. Diesmal schaute ich durch ein anderes Fenster, und ja, Remnant befand sich dort. Wieder einmal sprach er mit seinem Gefolge, ich konnte aber nichts verstehen. Leise klettere ich herein, und stand auf einem Vorsprung im dunklen. Ich bemerkte jedoch nicht, dass das Gestein, auf dem ich stand, extrem instabil war. Noch bevor ich Remnant zuhören konnte, knackten die Steine, sie rissen, und ich fiel zu Boden. Remnant hörte sofort auf zu reden. Er betrachtete mich mit seinen leeren Augenlöchern, die in seiner Maske waren. Ohne etwas zu sagen, kam er auf mich zu.
Er stand direkt vor mir. Ich kniete vor ihm, weil ich glaubte, dass mein Bein verletzt war.
„Der… Reporter.“ Sagte er mit einer etwas höheren, überraschten Stimmlage.
Er fing leise an, zu lachen.
„Heut‘ haben wir ja mächtig Prominenz im Hause.“ Sein Unterton wurde sarkastischer. „Wenn ich nicht übertreibe, sogar ein wahres Vorbild von mir. Ich liebe den Wächter, ihr leistet gute Arbeit…“ Er kannte mich, ja, er hat mich sogar bewundert… Ich konnte es nicht verhindern, aber ich war ein Stück weit geschmeichelt. Nichtsdestotrotz stand ich einem Massenmörder gegenüber. Ich antwortete ihm, dass ich nichts von ihm hielte, und dass ich mich schämte, so jemanden auf derselben Seite zu haben. Ich sagte ihm, dass er mich an das Rudel und Janko erinnerte, und dass dies nichts Gutes sei. Lachend wendete er sich zu den Geiseln. Lachend widersprach er mir. „Tut mir leid, mein Freund, aber ich bin das Rudel!“
Er hob lachend die Arme, und seine Gefolgsleute applaudierten ihm und freuten sich.
Währenddessen kam eine Gestalt im Rollstuhl aus einer dunklen Ecke angerollt.
Die Männer, inklusive Remnant, verneigten sich. Es war Janko, von Verletzungen und dem Alter gezeichnet. Er war schwach, seine Muskeln waren verschwunden, er war faltig, kaputt, man spürte, wie jeder Atemzug ihm leid und schmerz zufügte.
Nur noch Apparate, an denen er befestigt war, hielten ihn am Leben. Er sah mich mit seinen glasigen, toten Augen an. Danach wendete er sich zu Remnant, und nickte ihm zu.
Remnant zog eine Waffe.
„Tut mir leid, mein Freund, aber es muss getan werden, was getan werden muss…“
Steckte ein Magazin in die Waffe, und ich hob meine Arme, flehte zu Gott und schloss die Augen. Ich dachte an Jaida, meiner alten Kollegin aus den jungen Jahren des Wächters und wünschte mir, ein letztes Mal in ihre wunderschönen Augen blicken zu dürfen. Ich zitterte. Dann hörte ich einen lauten Knall, den wahrscheinlich letzten meines Lebens. Doch es geschah nichts mit mir. Kein weißes Licht, keine Schmerzen.
Ich öffnete die Augen, und ich sah, wie ein alter Mann, mit Blut beschmiert, aus seinem Rollstuhl fiel. Remnant hat Janko erschossen, nicht mich.
„Ja, ihr habt richtig gehört, ich bin jetzt das Rudel!“ Ein Moment der Ruhe kehrte ein. Die Gefolgsleute Jankos und Remnants wirkten bestürzt. Doch aus der Angst wurde Gehorsam. Sie stellten sich in Reih und Glied auf uns salutierten ihrem neuen Führer.
Mir fehlten die Worte. Ich wollte bloß verschwinden. Ich lag am Boden, wie gelähmt. Remnant drehte sich anschließend zu mir. Ich dachte, nun wäre ich an der Reihe. Er beugte sich zu mir runter, und half mir auf. Im Hintergrund zog ein Handlanger die Leiche Jankos in einen anderen Raum. Er zog eine Blutspur hinter sich her. „Es wurde Zeit, dass jemand neues das Kommando in die Hand nimmt. Jetzt bin ich am Zug.“
Er wollte mir die Hand reichen, doch ich schob sie von mir weg. Er wollte, dass ich dem Rudel beitrete. Eine Weile lang starrte ich durch den Raum. Ich überlegte, wie ich aus dieser Situation rauskomme, ohne dem Rudel beizutreten, und ohne so zu enden, wie Janko.
Plötzlich hörte ich von draußen Sirenen. „Verdammt… Wir müssen hier Weg… Ihr nehmt die Geiseln mit. Benutzt sie als Schutzschild, wenn nötig…“ Ein Durcheinander ging durch die Halle. Ich wollte verschwinden, und suchte mit meinen Augen den Raum nach einem Ausgang ab. Ich fand eine Hintertür. Schnell sprintete ich durch die Menge dorthin, in der Hoffnung, nicht aufzufallen. Ich berührte mit meinen Fingerspitzen die Türklinke, da hörte ich seine tiefe, unheimliche Stimme wieder.
„Diesmal… Kommst du davon.“ Sagte er. „Ich vertraue dir. Es war schön, dich endlich mal wiederzusehen.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich, und ohne lang nachzudenken, floh ich durch die Tür und schlängelte mich durch etliche Gassen. Ich rannte, so schnell bin ich noch nie gerannt. Ich rannte so lange, bis ich mich irgendwo wiederfand, wo es mir vertraut war. Ich stoppte in der Nähe meiner alten Heimat, den Wohnblocks meiner Kindheit. Hinter einer Hütte auf einem Spielplatz setzte ich mich nieder und atmete die größten Atemzüge meines Lebens. Als ich zur Ruhe kam, dachte ich über Remnants Worte nach. Er kannte mich also.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:43

Kapitel 9: Generation des Wandels

Als ich das letzte Mal von Jaida Librev gehört hatte, las ich einen Zeitungsartikel über sie. Nach dem Chaos im Wächter ist sie nach St. Petersburg gezogen, um neu anzufangen. Die Zerstörung und den Tod Dimirs hielt sie nicht aus, sie musste weg.
Dem Artikel nach hat sie sich als Autorin selbstständig gemacht. Sie schreibt eine Kolumne in der Tageszeitung St. Petersburgs. Der Artikel ging jedoch nicht um ihre Arbeit, sondern darum, dass sie geheiratet hat. Die Zeitung, in der dieser Bericht stand, war die Einzige, bei der mir der Teil über Knay und das Kraftwerk komplett egal waren.
Kurz nach den Ereignissen um mich und Remnant, kehrte für eine Weile wieder Ruhe in Moskau und im Wächter ein. Was einerseits nichts Gutes hieß: Durch diesen Moment der Ruhe in den Medien und in den Köpfen der Bürger plätscherte der Kampf gegen Knays Atomkraftwerk vor sich hin, ohne dass eine der beiden Parteien große Erfolge oder Niederschläge erlitt. Am meisten erkennen konnte ich dies an meinem Feindbild selbst: Das Kraftwerk, dessen Grundgerüst ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit betrachten durfte; Innerhalb weniger Monate verwandelte sich ein Dünnes und verwobenes Metallgerippe in ein majestätisches, einem grauen und aus Beton und Gestein bestehendes, Pallastähnliches Gehäuse. So manches Mal, als ich einen Blick darauf warf, wünschte ich mir, ich könnte fliegen und dieses düstere Monster von der Weltkarte pusten.
Dieser Hass verstärkte sich nur noch mehr, als ein schicksalhafter Tag seinen Lauf nahm.
Es war kein besonderer Tag in diesem Sinne, ich fuhr ganz normal zu meiner Arbeitsstelle, warf meinen verachtenden Blick auf das Kraftwerk und verließ den Wächter nach getaner Arbeit. Doch nach der Arbeit besuchte ich meine Eltern, wie jeden Montag. Und was ich auffand, war meine geschwächte Mutter, zitternd und von Tränen übersät, sitzend vor dem regungslosen Körper meines Vaters. Die Arbeit am Kraftwerk, dieser Massenvernichtungswaffe, hat meinen Vater komplett zerfressen. Mein Vater starb, kurz bevor ich aufkreuzte. Er ist ohne Vorwarnung in seinem Sessel zusammengesackt. Weinend fiel ich zu Boden und konnte einen Schluchzer mir nicht verkneifen. Jetzt hatte Knay auch noch meinen Vater auf dem Gewissen. Als ich aufstand, nahm ich Mutter in die Arme und gemeinsam weinten wir vor seinem Sessel. Mutter war so schwach, doch nun schien sie wahrlich hilflos. Da sie keine finanzielle Unterstützung bekam, da Vater nun kein Geld mehr nach Hause brachte, zog ich kurzfristig wieder zu ihr, in meine alte Heimat, den Wohnblocks meiner Kindheit.
Es hatte sich mehr verändert, als ich erst dachte. Alle, die in meiner Kindheit hier wohnten, waren entweder tot, oder weggezogen. Auch der Umgang miteinander war viel kälter und verschlossener. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich erwachsener geworden bin, seit ich das letzte Mal hier gewohnt habe. Doch ich glaubte eher, es lag an den schlimmen Krisen, die unser Land durchmachen musste. Sei es entweder Stalins Irrenpolitik, Knays schleichend näher rückende Selbstmordbombe, oder die Terroranschläge Remnants. Der hatte sich nach unserer Begegnung nicht mehr häufig blicken lassen. Sei es nun, weil er von Knay eingeschüchtert wurde, oder weswegen auch sonst. Vielleicht hat er schon zu viele Politiker verstümmelt, und es wurde ihm zu langweilig. Nach der Beerdigung meines Vaters, auf der die gefühlte ganze Arbeiterkolonne des Kraftwerks erschien, und für die ich viel von meinem Lohn zusammenkratzen musste, begann für mich wieder der Alltag im Wächter. Durch den Tod meines Vaters veränderte sich für mich aber einiges: Ich ging in meinen Berichten und Texten viel aggressiver mit Knays Arbeiten um. Ich forderte zur gezielten Zerstörung auf, wünschte Knay und seinen Anhängern den Tod, und vieles Weiteres, mit dem ich aber nicht ins Detail gehen möchte. Ein Wunder, dass Stalin uns nicht wieder hochgejagt hat. Als ich meine Zeilen am Abend zur Korrektur las, kam ich mir, übertrieben gesagt, selbst vor, wie eine zweite Version Hitlers. Doch die Verkaufszahlen hielten sich. Sie waren nicht unglaublich hoch, aber wir konnten uns von unserem Gehalt ernähren.
Es näherte sich das Jahr 1954. In diesem Jahr sollte das Kraftwerk hochgefahren werden. Ich und meine Anhänger gingen von einem Protest zum nächsten, eine unaufhörliche Zahl von Protestschildern wurde angefertigt, Berichte wurden geschrieben. Seit dem Tod meines Vaters legte ich alles daran, das Schlimmste zu verhindern. Langsam überkam mich die Einsicht, dass wir es nicht verhindern können. Langsam fing auch ich an, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn das Kraftwerk aktiviert werden würde. Doch eines konnte ich nicht: Mich damit abfinden. Viele meiner damaligen Mitarbeiter kämpften sogar mit der Versuchung, Remnants „neuem Rudel“ beizutreten. Da dies bei mir schlechte Erinnerungen weckt, schlug ich diese Option bei jeder Gelegenheit gänzlich ab. Einige verschlug es komplett zu Remnant und seinem Gefolge. Er ließ sich nach dem Tod meines Vaters auch wieder öfter blicken. Er verübte Anschläge auf Verantwortliche des Baus des Kraftwerks, forderte per Videobotschaft zur Revolution auf, und vieles, vieles mehr. Es scheint schon gänzlich zur Normalität geworden zu sein, sich zu maskieren, auf die Straße zu gehen und Steine auf Politiker und Polizisten zu schmeißen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies eine neue Generation des Wandels ist. Das hoffe ich zumindest. Das habe ich mir aber nicht allein zuzuschreiben, nein, Remnant und das Rudel hat die Jugend mit ihren Idealen beflügelt. Es ist schon wirklich komisch gewesen, einerseits verabscheute ich Remnant und die Methoden des Rudels, auf der anderen Seite sehe ich in ihnen so etwas wie Verbündete.
Das Rudel hat es wenigstens zu größerer Popularität geschafft, als ich es je mit meinem Mitteln hätte tun können. Man hätte sich bloß die Straßen Moskaus ansehen müssen: Die Wände und Gehwege waren gesprenkelt mit Flugblättern, Aufklebern und Kärtchen. Eines dieser Kärtchen habe ich mir damals genauer angesehen, sie waren versehen mit wütenden Sprüchen, Aufrufen und etlichen Adressen von öffentlichen Versammlungen. Seitdem habe ich immer öfter gekämpft eine dieser Treffen zu besuchen. Ich tat es jedoch nicht. Auch wenn ich das Rudel mied, Remnant bekam ich kurze Zeit nach meinem Fund der Rudel-Flyer wieder zu Gesicht. Es war ein Tag im Wächter, wie jeder andere, zumindest schien er es anfangs zu sein. Er begann mit der der Fahrt am Kraftwerk vorbei, dem Schleichen in die Lagerhalle, und dem Schreiben von Artikeln. Doch als ich den Wächter betrat, wurden keine Berichte geschrieben: Bereits am Eingang kam mir etwas ungewohnt vor, denn von der Eingangstür aus konnte man schräg durch die Gassen von den Nachbarhäusern gucken; Dort befanden sich zum ersten Mal, seit ich dieses Gebäude kannte, zwei Autos. Kurze Zeit später betrat ich den Wächter, und zwar mit einem unguten Gefühl im Bauch. Zwanghaft wurde ich an jenen Tag erinnert, als Knay den ehemaligen Wächter zerstörte. Doch ich nahm meinen Mut, und öffnete die Tür. Was ich als erstes sah, waren all meine Mitarbeiter, kniend vor ihren Schreibtischen. Als ich die Tür schloss, bot sich ein besserer Blickwinkel auf das Geschehen. In Schutzwesten gekleidete, bewaffnete Männer, die quer im Raum verstreut waren, standen vor einer Person, die ich nicht erkannte. Aber als diese Person anfing, zu sprechen, wusste ich sofort, um wen es sich handelte: Remnant.
„Das ist also deine Hochburg…“ begann er. „Ich hätte… Etwas Schöneres erwartet, aber gut, es kommt auf die Berichterstattung an.“. Ich hörte kaum auf das, was er erzählte, aber als er fertig war, stampfte ich zu ihm rüber und pöbelte ihn lautstark an. Ich beschuldigte ihn, meine Mitarbeiter zu gefährden und den Wächter zu ruinieren, doch das Einzige, was er antwortete, war: „Nun, anders scheint man aber nicht an dich ranzukommen.“
Ich ging auf seine Worte ein, und sagte, dass ich nichts mit ihm oder dem Rudel zu tun haben will. „Rudel? Nennt man uns noch so? Das Rudel ist zusammen mit Janko gestorben. Es gibt nur noch uns. Wir… Wir sind ein Bindeglied aus Visionären! Wir verfolgen dasselbe Ziel! Jankos Interessen waren bedeutungslos und veraltet.“
Erneut höre ich ihm zu, und ich spüre, dass es anders wirkt, als es damals wirkte. Er… Das Rudel… Oder eben nicht mehr das Rudel… Scheint tatsächlich, sich verändert zu haben, zum Positiven. Danach kam das Thema Kraftwerk auf den Tisch. Er meinte, er hatte einen Plan in der Tasche, wie sich alles zum Besseren wenden kann. Er hat eine Art Plan, wie er es beseitigen könnte. „Ich und meine Männer haben einen glorreichen Einfall, der das Atomkraftwerk endgültig vom Weltbild entfernt, und ich würde mich geehrt fühlen, wenn du, der Leiter der größten revolutionären Zeitung der Sowjetunion, uns beitrittst und und bei unserem Plan hilfst.“. Ein innerer Konflikt epischem Ausmaß fand zu diesem Zeitpunkt in mir statt. Es steht immer noch ein Terrorist vor dir, dachte ich, doch andererseits wollte ich Knay bluten sehen, seit mein Vater verstarb. Doch ohne großes Zögern, entschied ich mich. Ich reichte ihm die Hand. Ich gehörte nun zu dem, was ich Jahrelang versuchte, zu meiden.
Voller Freude nahm er meine Hand, schon fast war ein Lachen herauszuhören.
„Gut! Sehr gut! Dann arbeiten Remnant und der Wächter nun offiziell zusammen! Dann würde ich dich nun bitten, uns in unser Quartier zu folgen, damit wir dir den Plan präsentieren können…“. Trotz dieser vertrauten Worte, fühlte ich mich immer noch unwohl in seiner Nähe, doch da wir jetzt „Zusammenarbeiteten“, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Ich bat ihn jedoch vorher, die Gewehrlaufenden aus den Gesichtern meiner Leute zu nehmen. Anschließend verließen wir das Gebäude, und wie ich vorhergesagt habe, stiegen wir in die Autos, die in den Gassen versteckt waren. Danach folgte eine holprige Fahrt im hinteren Bereich eines Vans, um mich herum saßen die bewaffneten Schergen Remnants, die alle einen unwohlen Blick auf mich warfen, ab und zu sprachen sie untereinander, jedoch so undeutlich, dass ich kaum etwas verstand. Plötzlich machte der Wagen einen Halt. Die Türen gingen auf, und wir befanden uns irgendwo am anderen Ende Moskaus. Als ich ausstieg, blieben Remnants Kumpanen hinter mir, und es machte mir den Anschein, als wollten sie verhindern, dass ich flüchte. Aus einem anderen Wagen stieg Remnant selbst, der mir stolz sein neues Quartier präsentierte, und mich hineinführte, mit seinen Leuten im Schlepptau.
Wir befanden uns in einem ausgeräumten Bürogebäude, das dem alten Wächter gar nicht mal so unähnlich war, außer dass dieses abseits des Zentrums von Moskau lag. Überall verstreut lagen Büroartikel, nebst kaputten und teilweise brennenden Schränken, Kommoden, Stühlen und Schreibtischen. Betont wir das Gesamtbild außerdem durch verstreute Zettel und Ordner, die Quer durch den ganzen Raum verteilt sich befanden. Ich dachte mir, dass Remnant höchst wahrscheinlich diese Räume mit seinen Männern stürmte. Vielleicht wurden in diesen Büros weitere Pläne für Knay und das Kraftwerk ausgearbeitet? Ich wusste es nicht, es war mir zu diesem Zeitpunkt auch mehr als egal. Unser Gang endete auf der anderen Seite des Raumes, auf dem eine Tafel vor lauter zusammengelegtem Schutt aufgebahrt war. Diese Tafel war gespickt mit lauter Zetteln, Zeichnungen, und Notizen, die beim ersten Ansehen wie ein wirrer Haufen an Wörtern und Gekritzeltem wirkten, doch nach genauerem Studieren und Begutachten, erschließt sich mir ein Resultat: Remnant will den gesamten Kraftwerkkomplex sprengen.


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » So 19. Jan 2014, 01:44

Kapitel 10: Alles endet im Feuer

Weiterhin betrachtete ich mit großen Augen die Tafel. Ich konnte selbst nicht fassen, wie dies funktionieren sollte. Wie sollte man einen so riesigen Klotz in die Luft jagen? Ich habe mir die wildesten, unmöglichsten und naivsten Methoden vorgestellt, während Remnant und sein Gefolge stumm hinter mir standen. Sollen wir eine Bombe im inneren des Kraftwerks hochgehen lassen? Sollten wir den gesamten Komplex mit Raketen beschießen? Oder sollten wir mit einer wütenden Meute das ganze Kraftwerk persönlich einstampfen? Aus den Plänen konnte ich nur herauslesen, dass es einen Knall geben wird. Und zwar einen großen.
Die allergrößte Frage, die sich mir jedoch stellte: Wie sollten wir ein Kraftwerk in die Luft jagen, ohne ganz Moskau mit Radioaktiver Strahlung zu verpesten?
„Das ist einfach…“ setzte er mit der gewohnt tiefen Stimme ein. „Laut den Akten, die ich Knay entnehmen konnte, ist das Hochfahren des Reaktors am Ende des Jahres geplant. Und da ich vor einigen Monaten Uranvorräte zusammen mit Knays Handlanger Knev Voczec entführt habe, musste sich der Start des Kraftwerks verschieben. Das heißt, wenn wir uns an den Plan halten, können ich und meine Männer eine Bombe ins Kraftwerk schmuggeln, und sie von dort detonieren lassen, ohne das Moskau anfängt, zu strahlen.“
Ich blickte nach seiner Erklärung erneut auf die Wand. Er schien Recht zu haben. Ich schien meinem Ziel so nah, dem Ende von Knay und seinen Plänen… Ich war sogar so erfreut über diese Nachricht, dass ich die Gefahr dieser Aktion einfach ausblendete.
Nach diesen Gedankengängen sagte ich Remnant, dass ich mit seinen Plänen einverstanden sei. Anschließend erfreuten sich seine Männer, und Remnant selbst schien auch nicht unberührt von der Vorstellung, Knay zu stürzen. Wir könnten ein Zeichen setzen, dachte ich. Diesem kränklichen und instabilen Gesellschaft Hoffnung geben, wenn wir ihnen zeigen, der Regierung Einhalt zu gebieten. Nach diesem freudigen Zusammenschluss fuhren Remnant und seine Handlanger mich nachhause. Sie setzten mich direkt vor den Wohnblocks ab. Kurz bevor Remnant die Autotür schloss, fragte ich ihn, wer er wirklich sei, ohne die Maske.
Darauf antwortete er schlicht: „Du kennst mich besser als du denkst. Wir sind uns ähnlicher geworden, als ich dachte.“. Ohne weitere Worte, und ohne mich antworten zu lassen, fuhr der Wagen davon. Mit einem durchaus befriedigenden Gefühl betrat ich unsere Wohnung. Mutter wusste nicht, wann ich wieder nachhause komme, also war das Essen schon kalt, womit ich aber kein Problem hatte. Sie saß im Wohnzimmer, und häkelte. Nach meiner Begrüßung widmete sie sich wieder Fleißig ihren Fäden und Maschen. Neben ihrem Sessel, auf dem Wohnzimmertisch, sah ich einen geöffneten Briefumschlag, ich fragte, um was es sich dabei handle, und sah hinein: Es war eine Einladung zur Feier der Fertigstellung des Kraftwerks. So gut wie jeder Bürger bekam so einen Brief. Hauptsächlich die obere Klasse der Bevölkerung, aber Knay schien sich meiner Mutter gegenüber anscheinend verpflichtet, denn ohne die Hände meines Vaters wäre sein Kraftwerk bloß ein Schutthaufen. Die Nachricht über diese Feier bereitete mir einerseits Furcht, da wir uns mit unserem Plan ranhalten mussten, aber andererseits sprach Remnant mir das Gegenteil zu: „Diese öffentliche Parade bietet uns einen perfekten Schlupfwinkel. Wir könnten einen wütenden Mob heran treiben, der sich anschließend mit Knays Männern und der Polizei anlegen. Da der Platz, auf dem das Fest gefeiert wird, direkt vor dem Kraftwerk ist, können wir uns dann von dort aus mit der Bombe auf den Weg machen.“
So lautete der Plan. Die Aufgabe meinerseits war es, die Rebellenmeute auf das Fest zu hetzen. Ich war der Chef der größten kritischen Zeitung des Landes, also wo lag das Problem?
Dies bedeutete viel Arbeit, was uns aber kein Problem bereitete. Im Gegenteil, der Plan lag im Wächter wie ein frischer Wind, nie zuvor haben wir so viel Tinte verwendet und noch nie waren die Drucker so auf Hochtouren. Es handelte sich nicht nur um Zeitungsberichte, wir verteilten auch Flugblätter, ähnlich wie Remnants Männer es taten. Heimlich riefen wir Gruppen von mehreren Dutzenden von Demonstranten zusammen, und besprachen unsere Pläne ausführlich. Wir versammelten uns in Verlassenen Lagerhallen, in Hinterhöfen, sogar teilweise in der Kanalisation, wenn die Situation es verlangte.
Meist leitete ich die Reden ein, doch den Hauptteil übernahm Remnant, wegen seiner eindringlichen, lauten, und teilweise auch beängstigend klingenden Stimme. Auch wenn ich mit meinen Worten schon so einige Gedankengänge von Rebellen und Demonstranten beflügelte, so waren seine Stimme und seine Wortwahl weit überzeugender als meine. Ich weiß nicht mehr genau, wie oft wir uns trafen, und wie viele wir letzten Endes waren, doch ich hatte das Gefühl, wir könnten die gesamte Sowjetunion überrennen. In den letzen Tagen vor Knays großartiger Veranstaltung wurde es zunehmend schwerer, unentdeckt vorzugehen. Überall wurden Werbebanner, Plakate und weitere Werbeartikel für die Feierlichkeit aufgehängt. Gleichzeitig kam es mir vor, als würden viel mehr Polizeitrupps durch die Straßen marschieren. Deshalb kam es oft dazu, dass wir uns verstecken mussten, oder unsere Versammlung sich blitzartig auflösen musste, damit die Patrouillen keinen Verdacht schöpften. Als alle Treffen mit den Rebellen abgeschlossen waren, waren wir mit der Planung so gut wie fertig: Die Veranstaltung sollte auf einem großen Festplatz direkt vor dem Kraftwerk stattfinden. Seitlich ist der Platz umgeben von noch leer stehenden Büroblocks. Zwischen den Gebäuden, in den Gassen, sollten sich die Demonstranten verbergen, und herausströmen, sobald ich das Signal von einer Seitenstraße gab. Anschließend sollte ich Remnants Autokonvoi folgen, der direkt ins Kraftwerk führte. Es schien schwierig zu werden, ins Kraftwerk zu gelangen, dachte ich, doch Remnant versicherte mir, dass er wüsste, wie er es zu handhaben hat.
Wir legten viel Vorbereitung in diesen einen Tag. Er rückte unmittelbar näher, das wusste ich. Aber als er da war, war mir doch ziemlich mulmig und unwohl. Es begann alles relativ heiter und ungewohnt fröhlich. Menschen rannten auf den Straßen umher, Kinder spielten und turnten auf dem Weg zum Platz herum. Ohne weiteres folgte ich der Masse, während ich sah, wie Remnant und eine Gruppe weiterer Rebellen Waffen in einen Kleintransporter luden. Hinterher stiegen sie ein, doch ich bewegte mich unauffällig von ihnen davon, um mit der Menschenmasse mit zu strömen. Leise konnte ich ihren Wagen davonfahren hören, dann wendete ich mich komplett von ihnen ab. Ungefähr eine Viertelstunde dauerte der Fußmarsch bis zum Festplatz vor dem Kraftwerk. Von der Straße, von der wir kamen konnten wir den Platz komplett überblicken. Er war tiefer gelegt, rundherum führten Treppen vom oberen Bürgersteig zum mit Pflastersteinen und Marmor verzierten Marktplatz. Dafür, dass mir unsere Siedlung früher schon so groß vorkam, waren unsere Wohnblocks ein Paar Trümmer im großen Moskau. Es dauerte eine Weile, bis alle sich orientiert haben, und sich geradewegs vor einer großen Bühne, am anderen Ende der Fläche, versammelten. Es wimmelte von Männern, Frauen, Kindern. Und überall zu finden waren Wachposten, Polizisten und Soldaten. Als ich merkte, dass sich zwischen den Häusern die ersten Mitstreiter meinerseits sammelten, schlich ich mich aus dem Publikum, ohne großartig aufzufallen. Eine schwere Angelegenheit, musste ich feststellen. Ohne Gedränge und Geschubse ist dies eine unmögliche Aufgabe. Als ich mich aus dem Pulk befreite, schlich ich eine gefühlte Ewigkeit um den Platz herum, um die Demonstranten von den Soldaten weg zu koordinieren, damit unsere Mission nicht sofort kläglich scheiterte. Vor der großen Bühne war ein roter Vorhang. Es schien sich langsam etwas dahinter zu bewegen, und nur wenige Minuten öffnete sich der Vorhang, die Nationalhymne wurde eingestimmt, und Tänzer und Artisten strömten über den grell erhellten Holzboden, der ungefähr zwei Meter über den Köpfen der Bürger ragte. Ihre Vorführungen waren Albern, Peinlich und teilweise arg kitschig. Ein Mann, der sich als Kraftwerk verkleidete, half einer angeblich schwangeren Frau auf und drückte einem zehnjährigen Jungen einen Geldschein in die Hand. Im Hintergrund, groß aufgebahrt, hing die Russische Flagge, kombiniert mit einem Atomzeichen, vor dem Soldaten, Frauen und Kinder salutierten. Schlagartig hörte die Musik und das alberne Rumgehampel auf, und die Laiendarsteller verschwanden blitzschnell von der Bühne. Das Scheinwerferlicht zeigte nun auf eine ganz andere Person: Dersk Knay höchst persönlich. Er hielt eine Rede, natürlich über die ach so tolle Atomkraft, und die großartige und prächtige Zukunft, die Russland bevorstehen sollte. Er redete noch von weiteren Vorteilen und von der Tatsache, wie glücklich wir uns alle doch hätten schätzen können, doch nach weniger als fünf Minuten konnte ich sein Schwafeln nicht länger mit anhören. Ich konzentrierte mich nur noch auf einen meiner Mitkämpfer, der sich hinter einem Auto am Rande des Platzes aufhielt. Seine Aufgabe war es, mir mit einer Taschenlampe ein Signal zu geben, dass mir mitteilen sollte, wann unsere Armee das Fest stürmen sollte. Es dauerte noch zehn Minuten, dann verließ Knay die Bühne mit tosendem Applaus, der jedoch einige Sekunden auf sich warten ließ. Dann kam das Signal. Mein Auftritt. Ich schlich mich zu der Rebellengruppe, die sich versteckt hielt. Ich erklärte ihnen, wie sie vorgehen sollten. Sie sollten sich in mehrere Gruppen aufteilen, und den Festplatz umkreisen. Dann sollten sie, so auffällig wie möglich, auf sich aufmerksam machen. Die Soldaten und Polizisten sollten dann den Rest machen, indem sie auf uns reagieren. Nach meiner Planbesprechung machte ich mich auf den Weg zum Kraftwerk. Ich stieg in ein Auto, gefolgt von weiteren Freiheitskämpfern, die unter anderem Mitarbeiter des neuen Wächters waren. Als wir losfuhren, konnten wir auf den Platz blicken, und wir konnten sehen, wie unsere Kämpfer sich um den Bereich versammelten, und Knay und seine Männer beschimpften. Panik machte sich unter den Zivilisten breit. Soldaten und Polizisten umringten das innere Areal schützend. Nach einer Atempause, und einem Moment der Stille, rannten die Rebellen auf die Mitstreiter Knays los, mit wütendem und ohrenbetäubendem Geschrei, der Festplatz war eine einzige Lärmkulisse. Doch keine Sekunde später, hörte man nicht nur die Kehlen unserer Leute, sondern auch Schüsse und kleine Knalle, wie von Granaten. Die Armee schien mit Waffengewalt vorzugehen. Jetzt wäre alles am Ende, dachte ich. Dutzende Unschuldige sterben, und das nur, weil ich sie angestiftet habe. Aber es war anders: Kurz darauf verschanzten sich die Rebellen, und zückten ihre eigenen Waffen. Das war gut, das könnte uns noch mehr Zeit verschaffen, so unentdeckt wie möglich an das Kraftwerk heran zu kommen, schien es mir. Wir waren nun kurz vor dem Eingangstor zum Kraftwerk, und wir parkten hinter einem Baum. Ich konnte beobachten, wie weitere Truppen, die anscheinend hier oben postiert waren, sich zum Gefecht bei der Eröffnungsfeier aufmachten. Das war ein weiterer Vorteil für uns. Wir griffen uns jeweils eine Waffe, und schlichen zum Tor. Es war für mich ungewohnt, ein Gewehr zu tragen, doch es musste sein. Die Knarre zitterte in meiner Hand. Ich fühlte mich unwohl, und hielt mich hinter meinen Kameraden auf. Ich erzählte ihnen, dass ich ihnen Rückendeckung gäbe, ich hatte jedoch nur Angst, vorne zu stehen. Wir machten einen Halt an der Mauer, an der sich der Eingang befand. Wir erhaschten kurze Blicke vom Innenhof. Dor befanden sich ungefähr zehn Wachmänner. Es dauerte nicht lang, bis sie uns sahen. Sie schossen auf uns, ohne Pause. Es war an der Zeit, einzugreifen. Da sie in wenigen Augenblicken ihre Magazine verpulverten, mussten sie nachladen. Diesen Moment nutzten wir aus, und zeigten ihnen, was eine Harke ist. Wir sprangen auf, und schossen, bevor wir gezielt hatten, um sie so schnell wie möglich zu treffen. Wir rückten vor, und rannten bis zur nächsten Wand, die sich im Innenhof befand. Wir waren nun auf dem Kraftwerkgelände. Alles war grau und kalt, von unten sahen die Gebäude prächtig aus, aber hier oben fühlte man sich wie auf einem Friedhof aus Stein und Metall. Überraschenderweise trafen wir hier auf weniger Einheiten. Auf unserem Weg zum Reaktor begegneten uns zwei, drei Wachen, die wir mit Leichtigkeit erledigten. Nach unserem Sprint erreichten wir das Reaktorgebäude. Hier erblickten wir Remnant, der uns mit einer Handbewegung zu sich lotst. Ich wunderte mich, weshalb ich sein Auto nicht sah, oder irgendein anderes Anzeichen, dass mir verdeutlichte, dass er die Bombe erfolgreich hertransportiert hätte. Oder wenigstens einen Schusswechsel zwischen ihm und den Soldaten. Aber er schien ungesehen den Reaktor erreicht zu haben. Zumindest redete ich mir das Beste ein. Als wir bei ihm waren, sah ich jedoch, wie es wirklich war: Der Reaktor war bereits hochgefahren, und eine riesige Bombe befand sich direkt unter den Brennstäben. Unwissend betrachtete ich was ich dort vor mir sah. Ich konnte nicht einschätzen, ob unser Plan aufging, weil die Bombe schon dort war, oder ob wir gescheitert waren, weil der Reaktor aktiviert war, obwohl Remnant mir versicherte, dass das Hochfahren sich verzögern würde. Kurz bevor ich ihn fragen wollte, was es mit dem ganzen auf sich hatte, zog Remnant die Waffe, und erschoss die Leute, mit denen ich hergekommen war. Vor lauter Schreck ließ ich meine Waffe fallen, doch bevor er mich erschoss, steckte er seine Waffe zurück in seine Tasche. Ich war noch verblüffter. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mit stapfenden Schritten ging er auf die Bombe zu. Dann blickte er mit seiner Maske wieder auf mich. Zitternd stand ich dort, doch ich fand meine Worte wieder. Ich fragte ihn, voller Verzweiflung und Unwissenheit und Wut, was er getan hat, und was es mit dem Reaktor auf sich hat. „Nun, unser Plan war bloß eine Ablenkung.“ Antwortete er.
Mir kam nichts Weiteres in den Sinn, als die Frage, „Warum?“
„Der eigentliche Plan war ein ganz anderer… Aber am besten wäre es, wenn der eigentliche Anführer unserer Bewegung zu Wort kommt.“
Remnant zeigte auf eine Wendeltreppe, die am Rande des Gebäudes entlangführte. Mit leisen Schritten kam uns Knay entgegen. „Ja, unsere Planung scheint wirklich Früchte zu tragen.“
Entgegnete er uns. Es fühlte sich an, als wenn ein Alptraum sich vor mir abspielen würde. Ich schrie auf, rannte auf Remnant los, doch dieser schlug mich mit einem einzigen Fausthieb zu Boden. Daraufhin befragte ich ihn, wer er sei, und dass er mir endlich seine wahre Identität preisgeben soll. Er lachte laut, und anschließend nahm er seinen dunklen Helm ab. Darunter befand sich jemand, den ich ewig nicht mehr gesehen hatte, und der sehr gealtert und sehr krank und verwundet aussah. Ich wusste nun, wer er war. Wer Remnant war. Vor mir stand Nicolaj Dreibing. Der Nicolaj Dreibing, den ich auf der Schule kennenlernte. Der, der sich damals schon wie ein Rebell aufführte. Der der damals schon dem Rudel beitrat, und den ich verprügelte. „Ja, du siehst richtig. Ich bin es. Du scheinst mich noch zu erkennen, obwohl ich so anders aussehe.“. „Was ist mit dir passiert?“ fragte ich ihn am Boden. „Nachdem du mich vor allen Schülern bloßgestellt hattest, verließ ich das Rudel und trat der Armee bei. Ich kämpfte im zweiten Weltkrieg, und wurde dabei so schwer verwundet, dass ich nicht normal weiterleben konnte. Aus lauter Verzweiflung meldete ich mich unter Knays Ferrum-Soldatenprojekt an, und mein Körper wurde… Besser!“ . Knay ging zu uns. „Ich habe aus dir den perfekten Menschen gemacht.“ Fügte er überzeugt hinzu. „Ja… Vater.“ Antwortete Remnant. Langsam begann ich zu verstehen. Nur stellte sich mir noch die Frage, weshalb unser Plan nichts weiter als Täuschung war, und weswegen, das Kraftwerk mit dem Uran in die Luft gesprengt werden soll. „Unsere Idee mit dem Kraftwerk reicht weit zurück.“ Antwortet Knay. „Seit dem Angriff auf Washington geriet das Gleichgewicht der Mächte auseinander. Amerika schien wehrlos und schwach. Auch wenn die Sowjetunion nicht an der Zerstörung beteiligt war, wirkte es so, als würden wir den Amerikanern den Mittelfinger zeigen. Wenn wir aus unserem Land etwas so prächtiges machen, würde es bald erneut einen Krieg geben. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen das Gleichgewicht wiederherstellen, wir müssen Moskau zerstören!“
Moskau sollte zerstört werden. Das war der Plan. Alles andere war eine Farce. „Aber weshalb habt ihr den anderen Plan vorgetäuscht? Was sollte das?“
Lachend ging Knay die Treppe hoch. Er verschwand hinter dem Reaktor. „Als ich dich wiedertraf, nach der Schulzeit, und ich bereits Remnant war, und du der Leiter einer Zeitung, sah ich erst die Ähnlichkeit zwischen uns beiden. Ich dachte, wir könnten… Freunde werden. Wir könnten die Welt retten!“ Antwortete Nicolaj, und sah mich hoffnungsvoll an. Doch nach all dem, was ich nun erfuhr, brachte ich ihm bei, dass ich nie mit ihm befreundet sein werde, weil er ein Tyrann und ein Psychopath sei. Ich schrie ihn an, und voller Verzweiflung versuchte ich ihn daran zu hindern, die Bombe zu aktivieren. Während Knay komplett im Gebäude verschwand, verließ Remnant das Gebäude durch das Tor, durch dass wir reinkamen. Er stampfte auf ein Flugzeug zu. Ich rannte ihm hinterher, zerrte an ihm, schlug ihn, und beleidigte ihn, denn in seiner Hand befand sich bereits der Zündknopf. Während er bereits in das Flugzeug stieg, sackte ich mit Tränen in den Augen zusammen. Das war das Ergebnis von Jahrelanger Arbeit, Revolution, Kämpfen und Verlusten. Alles endet im Feuer. Ich sah zu ihm auf. Er schien auf mich zu warten, und zu hoffen, dass ich mich noch für ihn entscheide. Aber als ich seinen Blick erwiderte, kamen mir nur elende Schimpfwörter über die Lippen. Traurig und enttäuscht sah er auf den Zünder, und betätigte den Knopf. „Die Stadt hat noch zehn Minuten, dann geht die Bombe hoch!“ rief er, und schloss die Tür des Fliegers. Da saß ich nun. Und rein aus Reflex handelte ich. Ich rannte vom Kraftwerkgelände, stieg in das Auto, mit dem ich herkam, und fuhr zurück in die Stadt. Als ich beim Markplatz ankam, schrie ich, dass alle verschwinden sollen, und um ihr Leben rennen, aber es brachte nichts, und das wusste ich auch. Als alle still waren, und mir zuhörten, kam er auch, der Moment. Ein lauter Knall unterbrach mich. Rauch stieg auf. Sirenen fingen an zu heulen. Menschen blicken entsetzt und zu Tode erschreckt auf. Stille. Ein weiteres Knallen.

Feuer. Nichts als Feuer.

Sonst kann ich mich an nichts erinnern. Dann bin ich aufgewacht. Ich brannte und war bedeckt mit Steinen und Dreck. Ich befand mich in einer Welt aus Häusertrümmern, Schutt, Asche, und Feuer, nichts als Feuer. Es war überall. Über mir, unter mir. Einfach alles brannte. Der Ort, an dem ich mich befand, war nicht als Stadt wiedererkennbar, ich dachte ich war in der Hölle. Sonst konnte ich an nichts denken. Ich taumelte stundenlang durch die tote Stadt.
Ich weiß nicht, wie lang ich unterwegs war, aber der nächste Ort, an dem ich mich wiederfand, war ein mit Schneebedecktes Gebirge. Dort fiel ich in den kalten Schnee, und als ich wieder bei Bewusstsein war, durchsuchte ich meine Taschen, nach irgendetwas, was mich an irgendetwas erinnert. Ich fand ein Stück Papier. Es handelte sich um einen der Flyer, den Remnant und das Rudel verteilt hatten. Dort stand in Großbuchstaben >>Remnant<<.
Da ich nichts mehr wusste, sollte dies für die Zukunft mein Name sein.
Alles andere war nun in Vergessenheit geraten. Ich schloss meine Augen. Und ein neues Leben schien für mich… Oder für „Remnant“, zu beginnen.

EPILOG:

Alles war tot und verlassen. Alles deutete darauf hin, dass dies das Ende dieser Stadt war. Doch eine Gestalt hat überlebt. Sie verlässt strauchelnd das Inferno. Im Zentrum des Feuers scheint sich jedoch noch etwas zu bewegen. Der Boden bewegt sich, er bebt gerade zu, und aus der Asche erscheint eine weitere Gestalt, die den Anschein macht, als wenn dies gerade erst der Anfang war…


Dies ist das Ende von „Remnant: Schmerzen“
Bald folgt „Remnant: Angst“


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » Mo 17. Nov 2014, 19:48

REMNANT - ANGST

Kapitel 1: Fragmente

Ich konnte keine klaren Gedanken fassen. Alles, was ich wahrnehmen konnte, waren die verschwommenen Bilder, die sich vor mir abspielten.
Ich suhlte meine Hände im warmen Blut eines toten Wolfes, den ich Momente vorher gerissen hatte. Seine Innereien quollen triefend hervor wie aus einem geplatzten Müllsack. Blut spritze in Fontänen aus dem toten Tier. Es schmückte den Boden, der voller Schnee war, wie ein abstraktes Kunstwerk.
Was zur Hölle war geschehen?
Visionen plagten mich, von brennenden Häusern, und genauso brannte ich.
Das Feuer hinterließ wunden. Ich besaß keine Haut mehr. Nur noch Fleisch, und darunter Knochen. Knochen, die mein Fleisch fest an sich hielten, denn auch wenn ich tot aussah, ich fühlte mich lebendig.

Ich musste weiter, etwas trieb mich an.
Ich ließ den Wolf zurück. Er sah aus, als würde er friedlich schlafen. Zumindest, wenn man ihn von hinten betrachtete.
Dicke Schneeflocken fielen auf meinen Körper. Sie schmolzen sofort. Mir wurde klar, dass mein Körper eine unglaubliche Wärme ausstrahlt.
Ich habe nicht gefroren.

Doch wohin wollte ich? Ich ging einfach. Ich ging, und ging, und ging. Langsam nahm ich meine Umwelt genauer wahr. Ich war in einem mit Schnee bedeckten Waldstück.
Nach jedem Schritt zischte es kurz, als ob ein glühendes Schwert in kaltes Wasser getunkt wurde.
Ich schaute nach unten, und ich bemerkte, dass ich leuchtete. Nicht, wie eine Taschenlampe oder eine Laterne, sondern leicht flackernd, und irgendwie kalt.
Der Himmel wurde dunkler. Sterne wurden sichtbar.
Ich erreichte eine Hügelkuppe, und der Schnee wurde immer mehr.
Nach erschwerten Schritten bestieg ich die Erhöhung. Plötzlich nahm ich Geräusche wahr. Lautes grollen, wie von einem Motor, und vereinzelte Stimmen.

Langsam wagte ich, einen Blick hinter den Hügel zu werfen. Dort ging es steil bergab, und unten befand sich eine Straße, auf der Soldaten marschierten. Die Erde begann zu beben, denn auch Panzer fuhren vorbei, deren Motorengeräusche das Schreien der Soldaten übertönte.
Wohin wollten sie? Sie schienen panisch, und ungewiss vor dem, was sie an ihrem Ziel erwarten möge.
Als die Revolte vorbeimarschiert war, kletterte ich den Hang hinunter, und schaute nach, wohin die Straße führte.
Sie schlängelte sich an den weiß gesprenkelten Tannen vorbei. Die Ketten der Panzer formten ein paralleles Muster, das die Fahrbahn durchzog. Und am Ende des Horizontes war es hell. Fast so hell, als ob dort die Sonne aufginge.
Aber das Licht war kalt, so wie das, was von meinem Körper ausging. Und ich litt, als ich es betrachtete, wie es über den Baumkronen über den Hügeln am Ende der Straße loderte.
Ich wollte weg, also rannte ich.

Ich rannte, so schnell ich konnte, in die andere Richtung, in der es stockfinster war, und in der die Schneeflocken wieder dicker wurden.

Ich wusste nicht, was mich antrieb.
Das war mir in dem Moment auch komplett egal.

Es könnten Stunden, Tage oder Wochen gewesen sein.
Irgendwann fiel ich zu Boden.
Ich spürte Gräser, die im Wind wehten.
Und es war hell und nass.

Ich versuchte zwanghaft, meine Augen offen zu halten, doch sie fielen zu. Immer und immer wieder. Und jedes Mal, wenn sie geschlossen waren, brannte dieses kalte Licht sich auf meinen Augenlidern ein.
Das Licht, welches ich so sehr fürchtete.

Plötzlich durchzog Kälte meinen Körper. Erneut konnte ich nicht sagen, was geschehen ist, oder wie viel Zeit vergangen ist.
Dann riss ich meine Augen auf. Ich lag nicht mehr im Gras. Ich saß auf einem Stuhl, in einem karg eingerichteten Wohnzimmer. Vor mir saß jemand.
Er starrte mich an.
Er hatte einen leeren Eimer in seinen Händen.
Er hat mich mit kaltem Wasser übergossen.

„Du… verletzt?“, konnte ich bruchstückweise heraushören. Ein wenig Russisch ist bei mir noch hängen geblieben.
Ich antwortete nicht. Konnte ich nicht. Ich wusste es nicht.
„Du… Woher?“
Auch das wusste ich nicht. Ich wusste nur von dem Feuer, vor dem ich geflüchtet bin.
Das Feuer. Ich dachte an das Feuer, und geriet in Panik.

„Ruhig! Ruhig!“, hörte ich ihn rufen.
„Ruhig atmen!“

Eine Frau betrat den Raum. Sie besprach etwas mit dem Mann der vor mir saß. Sie wechselten jedoch so schnell ihre Worte, sodass ich kaum etwas verstehen konnte. Anschließend tupfte sie mit einem Schwamm blutige Flecken von meinem Nacken.
Beide betrachteten mich mit einer Ungewissheit in ihren Augen. Sie schienen nicht zu wissen wer ich war, oder was ich war.

Ich blickte auf meine fleischigen Hände. Ich leuchtete nicht mehr so hell, wie ich es im Gebirge tat.
Durch meine ruhige Atmung schaffte ich es auch, nicht vom Stuhl zu sacken. Mein Blick wurde klarer, und plötzlich konnte ich die Stimmen besser wahrnehmen.
Aber wo war ich nun? Weshalb saß ich plötzlich in einer Stube?

„Woher kommst du? Was ist mit dir geschehen?“, fragte mich der Mann, der vor mir saß. Seine Augen waren rund und glasig, seine Haut faltig. Ich schätzte ihn um die 50 Jahre ein.
Nun versuchte ich, zu antworten. Dies sollte das erste Mal gewesen sein, dass ich meine Stimme in dieser Gestalt hörte.
„Hnnh…“
Meine ersten Versuche zu sprechen schlugen fehl.
„I… Ichh…“
Mein Brustkorb presste sich zusammen, und ich drückte qualvoll die Worte heraus, die ich sagen wollte.
„Ich… Weiß es nicht.“
Auf meine Wortfetzen folgten skeptische Blicke. Ich konnte sie ihnen nicht verübeln. Ich versuchte erneut, zu reden.
„Wer… Seid ihr?“, fragte ich die Personen.

„Ich bin Pavel. Das ist meine Frau Yaga.“, antwortete mir der Mann. Die Frau stellte sich neben ihren Gatten. Sie wirkte jünger, frischer als er. Ihre Haare waren blond und gelockt, und ihre blauen Augen waren weit aufgerissen vor Entsetzen von meinem Antlitz.

„Wir haben dich eine Meile vor unserer Scheune, neben dem Feldweg gefunden.“, erzählte Pavel. „Du sahst tot aus, hast geglüht. Der ganze Schnee um deinen Körper war geschmolzen!“

Während mir von meinem Fund berichtet wurde, sah ich, wie am Türrahmen am anderen Ende des Raumes zwei Köpfe hervorblitzten, und direkt wieder verschwanden.
Es waren kleine Personen. Eventuell Kinder?

„Mein Sohn und ich haben dich dann anschließend hierhergeschleppt. Seitdem sitzen wir hier, und waschen deine Wunden.“
Die Frage mit den Kindern war nun auch geklärt.
„Du weißt wirklich nicht, wer du bist?“, fragte mich Yaga
„Nein.“
„Nicht mal deinen Namen?“

Nachdem sie diese Frage stellte, schoss mir ein Bild von dem Stück Papier in den Kopf, welches ich in meinen verkohlten Taschen fand. Dort stand in Großbuchstaben „Remnant“.

„Doch.“, antwortete ich Yaga.
„Mein Name ist Remnant.“

„Remnant?“, fragte Pavel. „Das hab ich noch nie gehört. Du scheinst nicht von hier zu sein.“


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Re: [EX16]Remnant - Schmerzen (SciFi/ Drama/ Superhelden)

Beitrag von El Granto » Fr 21. Nov 2014, 19:49

Kapitel 2: der verlorene Sohn

Nachdem sie mich aufgenommen haben, ließen mich Pavel und Yaga allein. Sie stellten mir einen Schlafplatz zur Verfügung, und ich sollte mich melden, sobald ich Hunger verspürte.
„Warum tut ihr das?“, fragte ich. „Ihr kennt mich nicht.“
„Das tust du auch nicht, Remijat.“, antwortete Pavel, und stellte einen Krug Wasser auf den Tisch. „Entschuldige… Ich scheine noch Probleme mit deinem Namen zu haben.“
„Ich heiße Remnant.“
„Klingt Amerikanisch. Kommst du vielleicht aus Amerika.“
Ich zuckte mit den Schultern, während ich auf meinem Bett saß.
„Hmm. Gut, ich lasse dich jetzt in Frieden. Ruh‘ dich aus, wenn du willst.“

„Warte.“, hielt ich ihn auf.
„Ich… Ich bin nicht müde.“
„Gut, was willst du dann tun, Rem?“
„Ich weiß nicht…“
„Weißt du was? Hilf mir doch einfach, meinen Schuppen aufzuräumen.“

Ich stand auf und ging mit Pavel nach draußen. Es war kalt.
„Zieh dir das hier an.“, sagte Pavel und übergab mir Arbeitsklamotten.
Eine Dunkelbraune Hose, eine grüne Jacke, eine graue Mütze und ein paar schwarzer Handschuhe.
„Danke.“

Anschließend überreichte er mir Kisten mit Werkzeugen, Brennholz, und eingelegtem Gemüse. Er tat sich schwer, die Kisten zu schleppen. Ich packte sie jedoch problemlos und nahm gleich vier am Stück.
„Kräftiger Bursche.“, sagte Pavel erstaunt.
Ich brachte die Kisten in den Keller, der sich neben dem Schuppen befand.
„Im Winter wird es draußen zu kalt für den Kram. Die Gläser mit den Bohnen zerspringen sonst noch, wenn sie zufrieren, und dann krieg‘ ich was zu hören von der Frau im Haus.“

Die Arbeit war in Minuten erledigt. Ich schleppte zehn Kisten, Pavel zwei.
„Vielen Dank, Rem. Ohne dich hätte das Stunden gedauert.“
„Gern geschehen.“

Gemeinsam setzten wir uns auf eine Bank vor einem seiner Felder.
Dichte Nebelschwaden zogen auf. Der Morgentau an den Grashalmen gefror zu Eiskristallen. Die Luft war klar.
„Du hast sicher einige Fragen, Rem.“, behauptete Pavel.
„Ich weiß nicht.“, antwortete ich kühl.
„Weißt du, welches Jahr wir haben?“
„Nein.“
„Es ist 1955. Wir haben November.“, erklärte er mir.
Das änderte nur wenig an meinem Wissensstand.
„Du bist in der Sowjetunion. Südlich von… Von dem Massengrab.“
Ich schaute ihn ahnungslos an.
„Was für ein Massengrab?“
„Das, was einst unsere glorreiche Hoffnung sein sollte!“, pöbelte er schwungvoll.
„Das, was Stalin uns als Wunder versprochen hat! Doch was macht er? Er jagt uns in die Luft!“
Pavel ballte seine Faust.

„Was ist passiert? Ich verstehe nicht…“
„Nachdem die Deutschen den Krieg gewonnen haben… Wirkten wir schwach, und verletzbar. Wir brauchten ein neues Ass im Ärmel. Also ließ Stalin vor einem Jahr ein Kraftwerk bauen, im Herzen Moskaus. Große Reden wurden geschwungen. Uns sollte viel vorgegaukelt werden.
In den ersten Reihen wurde applaudiert. Das hat viele verblendet. Denen hat die Symbolik gefallen. Und wie es das Schicksal wollte, ist der Reaktor, kurz nachdem er hochgefahren wurde, in die Luft geflogen. Und unsere Hauptstadt mit.“
Ich spürte Verbitterung in Pavels Worten.
„Seitdem rollen sie vorbei, die Panzer, dutzende, samt Fußvolk. Dort hinten, auf diesem Feldweg kommen sie vorbei, und marschieren Richtung Norden, um diese große, klaffende Wunde von der Außenwelt abzuschließen.“

Der Wind blies. Es begann zu regnen. Pavel wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

„Sie haben uns so viel genommen.“, schluchzte er, nach Luft ringend.
„Ich schaffte es vorher kaum, meine Familie zu ernähren. Und nun, da Chaos herrscht… Weiß ich nicht mehr weiter.“
Er weinte.
„Ich weiß nicht, wie wir es ohne ihn schaffen sollen… Er war jung, unerfahren… Er hatte noch so viel vor, gottverdammt!“

Und nun begann ich seine Aufregung zu verstehen.
Ich verstand, wieso ein Bett für mich übrig war.
Weshalb dort ein Stuhl zu viel im Esszimmer stand
Und für wen die Arbeitskleidung gedacht war, die ich trug.

Pavel hatte seinen ältesten Sohn in Moskau verloren. „Er hat eine hoch angesehene Hochschule besucht.“, berichtet er mir später. „Anton war der Überflieger unserer Familie. Ich… Ich kann einfach immer noch nicht glauben, dass er fort ist.“

Später gingen wir heim. Es gab Abendessen.
Hühnersuppe mit Brotklumpen.
Ich hatte ein unwohles Gefühl, als ich mich auf Antons Platz setzte. Pavels andere Kinder, die ich um die 12 und 15 Jahre einschätzte, beobachteten mich mit Missgunst. Was wagte ich, dort zu sitzen, wo er saß?
Ich verspürte keinen Hunger, und merkte dass ich von Ibrahim, dem fünfzehnjährigen, und Jidda, der zwölfjährigen, nicht erwünscht war. Ich konnte es ihnen nicht verübeln, also zog ich mich zurück.
Ich suchte meinen Schlafplatz auf, packte einige Sachen in einen Beutel, den ich im Schuppen fand, und wollte mich aus dem Staub machen.
Als sie schlafen gingen, schlich ich den Flur entlang, um das Haus zu verlassen.
„Geh‘ nicht.“, hörte ich eine Stimme hinter mir flüstern.
Es war Yaga. „Ich habe vorhin gesehen, dass du ein Stück Brot genommen hast…“
Ich nahm das Brot aus der Tasche, um es ihr zurückzugeben.
„Nein, behalt es.“, meinte sie. „Und bleib hier. Ich habe Pavel lange nicht mehr so… Motiviert gesehen, seit Anton von uns ging. Du hilfst ihm, wieder neuen Mut zu schöpfen.“
Ich sagte nichts.
„Ich…“, begann ich. „Ich weiß nicht…“
Dann wurde ich unterbrochen, durch einen Stoß, wie mit einem großen Hammer, der auf den Erdboden gestoßen wurde. Darauf folgte ein lautes Knallen von draußen.
„Bleibt hier.“, sagte ich zu ihr. „Ich werde nachsehen.“
Ich rannte raus, eilte hinter die Scheune, und nahm flackerndes Licht am Rande des Waldes, der sich am Ende des Feldes befand, wahr.

Meine Neugier war groß, und ich hätte nicht verkraften können, dass Pavels Familie etwas zustößt. Ich schlich von der Scheune zum Wegesrand, und von dort aus auf das Feld.
Ich rannte nun geradeaus auf den Wald zu, aus dem das Licht und die Geräusche kamen.
In Sekunden war ich an einem Strauch angekommen, vor dem ich mich hinkauerte, um nicht gesehen zu werden.
Langsamen Schrittes ging ich auf ein wirres Meer aus Stimmen, Motorengeräuschen und aufleuchtenden Lichtblitzen zu. Es waren vereinzelt russische Stimmen, und dazwischen andere Sprachfetzen, die ich nicht verstand.
Das Licht schien nun heller, es war ein blasses Blau. Zwischen den Zweigen waren Schatten zu erkennen, die hin- und her huschten, als ob sie panisch versuchten, etwas zu erledigen.

Zitternd hob ich meine Hand, um die Blätter aus dem Weg zu streichen, die mir die Sicht versperrten.
Ich tastete mich bloß langsam heran, ich hatte keine Ahnung, mit wem oder was ich es hier zu tun hatte. Bei jedem Knall, jedem lauteren Schrei, schreckte ich panisch zurück.
Als ich einen Blick von dem erhaschen konnte, was sich vor mir abspielte, wusste ich nicht, was ich denken sollte.

Seltsame, verkabelte Gerätschaften, die in den Himmel ragten, funkensprühende Generatoren und blinkende Monitore, die piepende und summende Geräusche von sich gaben, erstreckten sich über einer ganzen Lichtung im Wald.

Eine Person, die ein Treppchen vor einer größeren Maschine bestieg, erhob die Stimme, und alle wurden Ruhig. Sie stellte sich vor einen Scheinwerfer, der auf eine Gerätschaft zielte, an der Wissenschaftler noch etwas reparierten. Die Gestalt trug einen schwarzen Mantel, und hatte einen langen Hals. Durch das Licht war der Rest des Körpers komplett in Schatten gehüllt, außer die Brille, die die Person trug, die aufblitze, wenn Licht gegen sie traf.
„Ich bitte um Ruhe!“, brüllte er plötzlich mit Bedacht. Es handelte sich um gebrochenes Russisch, mit deutschem Akzent.
„Ihr wisst alle, wieso ihr hier seid. Ihr habt eine Mission zu erfüllen. Und ich will, dass sie erfüllt wird. Ich will, dass ihr die Quelle der Energiesignatur findet, die ihr aus Moskau hierher verfolgt hat. Und nach meinen Berechnungen endet diese Spur bei diesem Bauernhof. Wisst ihr überhaupt, was das bedeutet? Irgendetwas hat Moskau überlebt, und es befindet sich hier, in unserer Nähe! Aber wir müssen vorsichtig sein. Morgen früh werden wir diese Farm genauer beobachten. Habt ihr mich verstanden?“
„Ja, Doktor Lenz! Heil dir, Adlerklaue!“, hörte man die Menge jubeln.


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