[EX16] Wolfsdämmerung

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Rainer Prem
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Re: [EX16] Wolfsdämmerung

Beitrag von Rainer Prem » Fr 18. Dez 2015, 19:12

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Eintausend Jahre später, oder vielleicht auch nach zehn Sekunden, trennten sie sich.

"Wow!", keuchte Angelina atemlos. "Du bist wieder da."

Peter tätschelte ihren Bauch. "Ich habe dir doch befohlen, zu Hause zu bleiben."

Sie feixte. "Ach, wie war das gerade noch mit 'Herrin'?"

Jetzt erinnerte er sich wieder an alles. Auch an all die Hypnose-Sitzungen, die ihn befähigen sollten einem mehrstufigen Plan zu folgen, ohne ihn bewusst zu kennen und damit an eventuelle Telepathen verraten zu können.

In der obersten Schicht war der Plan der Station gespeichert, die Zugriffspunkte auf die Selbstzerstörungsanlage, die Wege dorthin, bei denen er Überwachungskameras umgehen konnte.

Darunter lag die Kampfausbildung, die Bewegungen, die ihm ermöglichte, Gegner schnell und effizient zu töten. Natürlich lag hier die größte Gefahr, dass er selbst getötet wurde, aber es war wahrscheinlicher, dass ein Gegner mehr erfahren wollen würde.

In Ebene drei befand sich die Anweisung, ständig unterbewusst seine Gefühle auszusenden, damit andere ihm folgen konnten und wussten, was ihm geschah, ohne dass es möglichen Gedankenlesern auffallen würde.

Dann war da sein spezieller Raumanzug, abgelegt und vergessen in einer Ecke, aber so manipuliert, dass der Sauerstoff den Raum langsam füllen und nach einiger Zeit ein Feuer entzünden würde.

Doch keiner dieser Pläne beinhaltete, dass seine Frau kommen und ihn retten sollte. Jemand anderes sollte all diese Ablenkungen benutzen, um die Geheimnisse der Feinde aus ihren Computern zu holen. Sie hatten ihm bewusst nicht gesagt, wer es sein würde. Ihre besten Hacker waren dafür zu jung. Jacqueline war sicher dazu in der Lage, bekam aber Angstzustände bei dem Gedanken, noch einmal in den Weltraum zu fliegen. Wen also hatten sie damit beauftragt?

Aber nun, da sein Verstand wieder normal arbeitete, war ihm sofort klar, dass Angelina ihn niemals in den Händen der Feinde zurückgelassen hätte. Sie war zu sehr Alpha, um das jemand anderem zu überlassen und dann mit einem Scheitern weiterzuleben.

Angelina zuckte die Schultern. Sie hatte seine Gedankengänge sicher mitverfolgt. "Irgendjemand musste deinen traurigen Hintern retten." Sie küsste ihn noch einmal.

Er tätschelte ihren Hintern. "Okay, Kleines, aber wir haben nicht viel Zeit. Lass uns an die Arbeit gehen."

Eine noch tiefere Ebene des Plans sagte ihm, was zu tun war.

Er blickte sich um. Dieser runde Saal war das Observatorium. Ein riesiges Teleskop dominierte die Mitte des Raumes. Überall gab es Geländer, weil der ganze Saal sich unabhängig von der Station drehen ließ. An einer Außenwand war ein Hocker vor einem kleinen Tisch befestigt.

Peter stieß sich vom Fenster ab und schwebte näher. An der Wand über dem Tisch war ein Computerbildschirm zu sehen. Fest montiert, anscheinend hatten die Erbauer der Station den virtuellen Schirmen nicht vertraut, die sonst überall verwendet wurden.

Peter hielt sich an dem Tisch fest und ließ sich auf den Hocker gleiten. Dann drückte er ein paar Tasten. Der Schirm leuchtete auf und zeigte den Text "login:" mit einem blinkenden Strich dahinter.

"Computer", sagte er. "Sag mir die Zeituhr."

"Dreizehn Uhr, achtundvierzig Minuten, fünfundsiebzig Sekunden. Montag, Neunundsiebzigster Dezember, Drei-Null-Acht-Acht. Alpha, India, Bravo, Oscar, Hotel. P-M."

Die Antwort war genauso verrückt wie seine Frage. Also schien der Computer korrekt zu funktionieren.

Sein Gehirn verarbeitete die Ziffern aus der Nachricht. Die Buchstaben dahinter mussten — wegen "p.m." — umgedreht werden.

"Delta, Delta, Romeo, Alpha, Charlie" sagte er, und versuchte, jedes Wort sehr deutlich auszusprechen. Auf dem Bildschirm erschien ein Punkt, und der blinkende Strich rückte nach rechts.

Er hatte sich gefragt, wie die Mädchen vom Mond es geschafft hatten, so schnell in den Computer des Großhändlers einzubrechen. Russell hatte erzählt, sie wären zu ihm gekommen, hätten sich hingesetzt, und nach ein paar Minuten gejubelt: "Wir sind drin!"

"Bravo, Kilo, Foxtrott, Echo, Zulu." Noch ein Punkt.

Also hatten sie ihm erzählt, dass eigentlich alle Computer auf der Erde auf einem Modell aus dem frühen einundzwanzigsten Jahrhundert basierten.

"Was auch sonst?", hatte er gemeint. "Und warum ist das wichtig?"

"Oscar, Oscar, Papa, November, Echo." Punkt.

Das innerste Systemprogramm — sie nannten es "kernel" — war bei allen Computern identisch. Es hatte nie eine Notwendigkeit gegeben, es auszutauschen, und nach der Infektion hatte es sowieso niemanden mehr gegeben, der ein besseres hätte schreiben können. Und dieser "kernel" hatte eine Hintertür. Sie war sehr leicht zu benutzen, selbst von einem Menschen, selbst ohne schriftliche Unterlagen.

"Golf, Whisky, Tango, Hotel, India." Punkt.

Man fragte einfach den Computer nach der "Zeituhr", dann mussten die Buchstaben und Ziffern der Antwort miteinander kombiniert werden, und man musste dem Computer das Ergebnis mitteilen. Fünf Worte aus je fünf Buchstaben wurden zu fünf Folgen aus je fünf Wörtern.

"Hotel, Alpha, Charlie, Romeo, Romeo." Punkt. Jetzt standen fünf Punkte nebeneinander hinter dem Wort "login:"

Zuerst geschah gar nichts. Peter atmete aus. Hätte er einen Fehler gemacht, würden jetzt schon die Sirenen gellen. Aber die Aufgabe war noch nicht gelöst. Was jetzt kam, war noch schräger als der erste Teil.

"Er hat dir nie erzählt", sagte der Computer, "was wirklich mit deinem Vater geschehen ist!"

"Er hat mir genug erzählt!", antwortete Peter aufatmend. "Er hat mir gesagt, dass Sie ihn umgebracht haben!"

"Nein! Ich bin dein Vater!!"

"Nein, Nein, das ist nicht wahr!"

Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo diese seltsamen Sprüche herstammten. Ein schlechter Liebesroman vielleicht. Die Mädchen hatten ununterbrochen gekichert, als Peter diesen Text vor ihnen heruntergebetet hatte. Es gab noch mehr Sequenzen, mit denen ihn der Computer hätte auf die Probe stellen können. Keine davon machte Sinn. Was, verdammt nochmal, hatte "Yippie-aye-yeah" mit Schweinebacken zu tun?

Der Bildschirm verfärbte sich dunkelrot. "Root access granted", stand darauf.

Peter holte tief Luft. "Krieger, kannst du mich hören?"

"Ja, Root, was kann ich für dich tun?"

"Bist du verantwortlich für die Angriffe mit Meteoriten auf eine Anzahl von Zielen auf der Erde und dem Mond im letzten Monat?"

"Ich war inaktiv seit November 2099."

"Also hast du diese Attacken nicht autorisiert?"

"Mein Protokoll zeigt keinen Hinweis auf diese Angriffe."

Peter öffnete den Mund, und zog ein kleines Plastikplättchen aus einem Schlitz unter seiner Zunge.

"Ich habe eine Tonaufnahme", sagte er, trocknete den Chip notdürftig und steckte ihn in einen Schlitz am Rand des Bildschirms.
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Rainer Prem
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Re: [EX16] Wolfsdämmerung

Beitrag von Rainer Prem » Sa 19. Dez 2015, 16:52

45

"Schwarzer Alarm", plärrte Krieger. "Station Zero-Zero von feindlichen Truppen besetzt. Interne Überwachung ist deaktiviert. Interne Verteidigungssysteme sind deaktiviert. Mobile Verteidigungseinheiten sind deaktiviert."

Zwei Sekunden Pause.

"Selbstzerstörung wurde aktiviert."

Große weiße Ziffern erschienen auf dem Schirm. "25:00" und änderten sich sofort zu "24:99".

Das war Szenario 43. Die Mädchen hatten wirklich an alles gedacht.

Angelina hatte die Zeit genutzt, die er mit dem Computer verbracht hatte, und kam mit zwei Sauerstoffmasken auf ihn zugeschwebt.

Peter öffnete die Gurte, die ihn an dem Stuhl festgehalten hatte, und stand vorsichtig auf. "Wir sollten—"

Mit lautem Krachen flog der Deckel des Zugangstunnels durch den Raum gefolgt von einem großen, schwarzen Schatten.

Gibson!

Er schoss hoch zur Kuppel, und drehte sich dabei.

Angeline ließ die Sauerstoffmasken los und zog ihre Pistole.

Gibson war schneller. Er hob eine viel größere Waffe und feuerte in schneller Folge. Ein Schuss traf Angelinas Arm, ihre Pistole segelte durch die Luft. Die nächsten beiden trafen sie ins Herz.

"Angelina!", schrie Peter auf. Ein Knall ertönte; und Angelinas Brustkorb platzte auf. Sie hing bewegungslos in der Luft.

"Ah!", Der Troll hatte angehalten, seine Füße an der Kuppel. "Was hast du getan?" Er zielte auf Peter.

Der zuckte zusammen. Diese knarrende Stimme! Langsam ließ er sich in die Knie sinken, beugte den Kopf in gespielter Unterwerfung. Gibson hatte nie das geringste Zeichen von sich gegeben, dass er Peters Gedanken hören konnte.

Seine Gedanken begannen wieder zu rasen. Keines der Szenarien, die er auswendig gelernt hatte, enthielt solch eine Situation. Hatte er eine Chance gegen den Kerl? Konnte er nahe genug an ihn herankommen, um ihm die Kehle aufzureißen? Wie viele von diesen Geschoßen konnte er verkraften? Gibson hatte sich, trotz seines massiven Körpers, sehr flink bewegt. Wahrscheinlich hatte er das getan, was er Peter vorenthalten wollte: Seinen Körper aufgepowert.

Und natürlich war die Schwerelosigkeit seit wohl acht Jahrzehnten sein Metier. Gibson stieß sich elegant ab in Peters Richtung, warf Angelina einen kurzen Blick zu, und hielt dabei seine Waffe auf Peters Kopf gerichtet.

Unbewaffnet wie er war, und ohne eine Chance, dass Krieger ihm helfen konnte … oder doch?

Peter riskierte einen Seitenblick auf den Bildschirm. "23:73" stand darauf. Langsam zählten die Sekunden herunter. Plötzlich spürte Peter einen Stich. Die Hintertür war ja immer noch offen. Wenn Gibson den Countdown stoppen konnte, einfach, indem er mit Krieger sprach …

Gibson landete genauso elegant neben dem Bildschirm wie er gestartet war. Er machte ein paar Schritte näher und warf einen Blick darauf. "Was hast du getan?", wiederholte er. "Hast du etwa dieses Arschloch von KI aufgeweckt?"

"Ja, Alpha", murmelte Peter und hielt dabei den Kopf gesenkt.

Gibsons Kopf fuhr herum. Zum ersten Mal, seit er hierhergekommen war, schien er Peter wirklich zu wahrzunehmen. Die Öffnung seiner Waffe schwenkte kurz auf und ab.

"Warum? Warum hast du das getan?"

Peter wies auf Angelinas Körper, der sich immer noch im leichten Luftzug bewegte, umgeben von roten Blutstropfen. "Sie hat mir das befohlen. Vergib mit, mein Alpha. Sie hat mich betrogen. Sie hat behauptet, sie wäre mein Alpha."

"Kannst du es aufhalten?"

Echt jetzt? Du weißt nicht, wie das geht? "Darf ich den Computer benutzen, Alpha?"

"Komm her —" Gibson winkte mit seiner Waffe "— setz dich dahin, wo ich dich sehen kann, und rede mit diesem Stück Scheiße."

Wie konnte er die Situation unter Kontrolle bekommen? Sein Blick fiel auf die Geländer. "O Alpha", sagte er seufzend, "ich bin so froh, bei dir zu sein!" Zuviel Honig ums Maul? Aber er musste hier weitermachen.

Gibson warf ihm einen halb fragenden, halb genervten Blick zu.

"O Alpha", wiederholte Peter. "Können wir zusammen rennen? Du und ich, zwei Krieger in Wolfsgestalt, rennen diesen ganzen langen Korridor entlang. Wirklich rennen."

Plötzlich fühlte er eine ganz leichte Vibration. Kluger Krieger. Es war eine der vielen scheinbar unwichtigen Informationen, die die Mondbande in Peters Kopf gestopft hatte: Die originalen Lagekontrolldüsen, welche die Station in Drehung versetzen konnten, sollten angeblich immer noch funktionstüchtig sein.

"Halt dein wertloses Maul", knurrte Gibson ihn an. "Und konzentriere dich darauf, die Selbstzerstörung anzuhalten." Er blickte herum, wusste offensichtlich nichts mit der neuen Situation anzufangen.

Er konnte auch nicht wissen, dass das Observatorium so gelagert war, dass es sich normalerweise nicht mit der Station drehte. Also war von hier aus nichts zu bemerken außer der leichten Vibration.

Der Bildschirm zeigte "22:39".

"Computer", sagte Peter. "Zeig mir das Stationsmenü." Der Bildschirm füllte sich rasch mit hunderten von Kommandos. Aktiviere Kamera in Raum 1/1. Aktiviere Kamera in Raum 1/2. Und so weiter.

Peter ließ seinen Blick über den Bildschirm gleiten. Eine einzige Option blinkte einmal kurz. Stopp Gegenbewegung Observatorium. Freundlicherweise hatte Krieger sogar eine Abkürzung dahinter geschrieben. (SGO)

"Ich denke", sagte Peter, und stemmte seine Oberschenkel gegen den Tisch. "Ich habe es gefunden." Er wies mit einer Hand auf eine unbedeutende Stelle des Bildschirms und stemmte die andere gegen die Tischplatte. "S-G-O", sagte er mit seiner harmlosesten Stimme.

Das Observatorium ruckte. Peter wurde gegen den Tisch geschleudert, und konnte sich gerade noch an seinem Platz halten.

Gibson wurde von dem Ruck völlig überrascht. Er stolperte, fiel, und rollte gegen die Wand. Unglücklicherweise hatte er seine Waffe nicht losgelassen. Er rollte sich auf den Rücken und zielte auf Peter.

"Observatorium so schnell rotieren wie möglich", schrie Peter und warf sich von dem Hocker. Ein Knall, und das Geschoß verfehlte ihn um Haaresbreite.

Im Fallen verwandelte er sich und raste an der Außenwand entlang, die sich in den Fußboden verwandelt hatte. Die nächste Kugel streifte Peters Kopf, ein brennender Schmerz ließ ihn zusammenzucken, aber er rannte weiter.

Die dritte Kugel saß. Sie bohrte sich in Peters Hintern. Er drehte einen Salto. Aber jetzt war er in Deckung hinter dem Teleskop. Er hielt an und riskierte einen Blick.

Gibson hatte sich aufgerichtet. Seine Beine schienen unter der ungewohnten Schwerkraft nachgeben zu wollen. Sechs oder sieben Jahrzehnte ohne Schwerkraft forderten ihren Tribut, und Gibsons monströsen Schultern halfen ihm hier nicht.

Es war eine Pattsituation. Peter war immer noch bereit, sein Leben hier zu beenden, obwohl Angelinas Anwesenheit ihm nicht wirklich behagte. Hoffentlich konnte sie ihre Wunden heilen, ohne dass Gibson es mitbekam. Wenigstens war Sandra sicher zu Hause.

Also brauchte Peter eigentlich nur zu warten, bis der Countdown zu Ende war, aber Gibson musste angreifen. Und er tat es.

Der Hulk verwandelte sich … in ein Monster! Seine Kleidung explodierte. Der Wolf war weiß, seine Augen brannten rot, und er hatte wahrscheinlich zehn Mal Peters Masse.

Und er war schnell — viel zu schnell für Peters Geschmack. Er hatte die Hälfte der Distanz zurückgelegt, bevor Peter reagieren konnte. Doch dann raste er los, weg von dem Monster, an der Außenwand entlang.

Er blickte zurück und stolperte dabei über Angelinas Körper, der "herunter" gefallen war. Er legte noch einen Zahn zu; der Monsterwolf war jetzt nur noch zwei Körperlängen hinter ihm.

Vor sich sah er ein Hindernis: den kleinen Tisch mit dem Computer darauf. Peter sprang mit allen vier Pfoten gegen den Tisch und drückte sich mit aller Kraft nach hinten und oben ab. Sein Körper schoss senkrecht nach oben.

Gibsons Klauen streiften seinen Bauch, doch dann war er weg. Er verwandelte sich während des Fluges und griff nach dem Geländer am Teleskop. Hier im Zentrum des Raums war der Zug der Schwerkraft viel geringer.

Unter ihm schaffte Gibson gerade noch den Sprung über den Tisch, und grub dann alle Klauen in die stählerne Wand um zu bremsen. Ein häßliches Knirschen ertönte, mehrere Klauen brachen ab und Gibson heulte vor Schmerz.

Er warf seinen Körper herum und sprang — genau auf Peter zu.

Der konnte sein Grinsen nicht unterdrücken. Der ehemalige Frauenarzt hatte wohl keinerlei Ahnung von Physik. Hast du Trottel jemals von der Corioliskraft gehört?

Peter jagte ein paar Berechnungen durch seinen Kopf und stieß sich dann ab. Er landete genau da, wo Gibson seine Waffe hatte fallen lassen, griff danach und rannte los.

Gibson hatte sich inzwischen verwandelt und versuchte, sich am Teleskop festzuhalten. Doch seine Hände verfehlten das Geländer um mindestens einen Meter. Sein Schwung trug ihn weiter und warf ihn mit dem Kopf voran an die gegenüberliegende Wand.

Das Geräusch seines berstenden Schädels ließ Peter zusammenzucken. Aber er lief weiter, bis auf die andere Seite des Raums, wo Gibsons Schädel schon dabei war zu heilen.

Peter sprang auf den Rücken des Mannes, drückte die Mündung der Waffe in sein Genick und drückte ab. Wieder und wieder, bis das Magazin leer war. Gibsons Genick explodierte; Knochenstücke flogen in alle Richtungen, Blut spritzte überall hin.

Und da kam Angelina, ihr langes Messer in der Hand, und vollendete die Arbeit. Sie hackte auf die dicken Muskeln ein, die den Kopf auf dem Rumpf hielten, bis die letzte Sehne durchtrennt war. Gibsons Kopf fiel herunter.

"Nun", sagte sie keuchend. "Das sollte reichen."

Peter hörte ein leises Heulen. Die Wölfe hatten wohl den Tod ihres Alphas mitbekommen.

Plötzlich wurde es heller. Peter blickte hoch. Die Mondfinsternis war vorbei.
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Re: [EX16] Wolfsdämmerung

Beitrag von Rainer Prem » Mo 21. Dez 2015, 20:09

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"Was meinst du", fragte Peter und wies auf den Bildschirm, der gerade "9:99" anzeigte. "Sollen wir die Station behalten oder Krieger sie in die nicht vorhandene Luft blasen lassen."

"Ich stimme für behalten."

"Aber", sagte er, "wir müssen uns um diese Wölfe kümmern, oder sie bringen uns um." Er setzte sich hin. "Ohne ihren Alpha laufen sie wahrscheinlich Amok.

Computer, gib mir eine root-shell", sagte er dann. Was immer auch Muscheln damit zu tun haben sollten. Und wieso hatten sie Wurzeln?

Die Uhr wurde klein und verschob sich in die Ecke, der Bildschirm wurde schwarz, und ein Dollarzeichen wurde ausgegeben mit einem blinkenden horizontalen Strich daneben.

$ _

"Elementar", hatte Lucille es genannt, und ich dann die nächsten zehn Minuten kichernd am Boden gewälzt.

Auf dem Tisch leuchteten jetzt die Buchstaben einer Tastatur.

Er dachte kurz nach und begann dann zu tippen.

$ rm -rf /lifesupport & _

"Du brauchst nicht zu wissen, was das bedeutet", hatte Lucille gesagt, als sie endlich wieder sprechen konnte. "Lern das einfach auswendig und vergiss ja das Und-Zeichen am Ende nicht, sonst bist du geliefert."

Er verglich den Text auf dem Bildschirm mit seiner Erinnerung, dann drückte er — leicht nervös — die Enter-Taste.

Ein Dollar-Zeichen erschien unter dem anderen, sonst passierte nichts. Peter tippte weiter.

$ echo off > /dev/lifesup0 _

Diesmal kein Und. Er drückte Enter und wieder gab es nur ein Dollarzeichen. Aber er fühlte etwas. Der leichte Luftzug, der in der ganzen Station zu fühlen gewesen war, hörte auf. Auch das Vibrieren war nicht mehr zu spüren, und das Observatorium verringerte seine Drehbewegung.

"Die Lichter sind aus", sagte Angelina.

Peter nickte, und versuchte, sich nicht stören zu lassen.

$ echo open > /dev/..AlLaIrLoCkS _

Er prüfte die Buchstabenfolge dreimal, bevor er daran glaubte, dass er alles richtig geschrieben hatte.

"Das ist ", hatte Lucille ihm erläutert, " ganz sicher ein Abkürzung, die die Entwicklerin vergessen hat, herauszunehmen. Die zwei Punkte am Anfang sorgen dafür, dass diese Datei niemals in einer Liste auftaucht."

"Und wie hast du dann diese Datei gefunden?"

Lucille hatte abgewunken. "Joanna hat sie im kernel-dump entdeckt, der im Buch 23 steht."

Joanna war ihre sechsjährige Tochter. Die zweiundzwanzigjährige Mutter strahlte geradezu vor Stolz.

Und Peters Hochachtung vor diesen Mädchen stieg gerade ins Unermessliche.

Er drückte auf Enter.

Ein leichter Ruck ging durch die Station. Angelina seufzte, aber die Luft um sie herum seufzte noch viel lauter. Innerhalb gerade mal zehn Sekunden entwickelte sich ein veritabler Sturm. Es schien, als ob die "Abkürzung" funktionierte.

Angelina streifte eine Sauerstoffmaske über seinen Kopf.

"Ein Moment", rief er durch den Sturm. "Krieger!"

"Ja, Root?"

"Beende die Selbstzerstörung. Alle feindlichen Kräfte sind eliminiert."

Krieger dachte zwei Sekunden lang nach. "Einverstanden. Selbstzerstörung wird angehalten."

Der Countdown zeigte "7:07". Dann verschwand er.

Peter schrieb ein letztes Kommando.

$ shutdown _

"Lass uns nach Hause gehen", sagte er.
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